Noch ist sie im Louvre und will Henri dorthin locken mit den Beschreibungen der Feste. Natürlich weiß sie, daß er eine neue Freundin hat: darüber schweigt sie, aber sie rächt sich. Leider heiratet der unvergleichliche Narziß, sie ersetzt ihn bald und reichlich. Ihr königlicher Bruder wirft ihr, auf offenem Hofball, alle Namen ihrer Liebhaber ins Gesicht. Nächsten Tages muß sie fort, entehrt, verlassen, ja, noch auf ihrer Rückreise nach Süden wird sie plötzlich aufgehalten von Offizieren des Königs und durchsucht wie eine Diebin. Wer aber reitet ihr entgegen und nimmt sie mit sich in sein Schloß, zeigt sich mit ihr am Fenster? Wer ist gut für Margot, umarmt sie wortlos, damit sie weiß: einer leidet mit ihr, schämt sich auch mit ihr?
Am Abend saß sie neben Henri, der sich zum Schein unterhalten ließ von seinen Edelleuten: nur, damit er nicht viel sprechen mußte, besonders nicht zu Margot. Ihr wäre die Stimme erstickt, man sah sie wortlos weinen. Das waren Freudentränen, weil er gut war. Hinein mischten sich Tränen der Erbitterung über ihre eigene Ohnmacht. ‹Er liebt, und diesmal ernstlich! Ich bin allen im Wege, seiner Geliebten mit dem lächerlichen Namen, die mich noch vergiften wird, und darum ihm selbst. Was hilft gut sein. Ich bin schon nicht mehr da.›
Gerade in diesem Augenblick suchte er unter dem Tisch ihre Hand und drückte sie. Zuerst erschrickt sie. Befangen in ihren Ängsten, denkt sie schon: ‹Abschied von Margot!› Dann erschrickt sie nochmals, aber vor Freude, weil es soweit nicht ist, und das Schlimmste ist noch aufgeschoben. Das Blut strömt ihr zum Herzen; schnell, heimlich beugt sie sich über seine Hand und küßt sie. Nachher hält sie sich im Gegenteil sehr gerade, weint nicht mehr, blickt niemand an — hat begonnen, sich im voraus zu entfernen von hier, fühlt es, will sich selbst zurückrufen, findet keine Wiederkehr. Margot! Nie mehr? Wende dich her, wenn du kannst! Du kannst nicht? Mußt verblassen, mußt entschwinden? Margot!
Das Begräbnis
Der letzte König aus dem Hause Valois liebte zu tanzen, und dies für sich allein, auf kindische Art, aber immer mit dem verdunkelten Gesicht, das er nicht ändern konnte. Plötzlich fiel ihm ein, den sorgfältig ins reine geschriebenen Akt beiseite zu legen und seinen Pelzrock auszuziehen. Weißseidenes Wams und schmale Hüften, eine verspätete Knabengestalt, so bewegte er sich hin und her vor einem Spiegel, den seine Diener eigens hinstellten. Eine entfernte Musik spielte zu dem Zweck, und der König im stillen Zimmer machte gewählte Schritte, erging sich in Haltungen und Figuren, deren Anmut maßlos war. Unter gesenkten Lidern sah er in dem hellen Glas sich selbst nach wie einem Fremden. Das war nicht er. Leider fühlte er sich nicht als heiteren Tänzer, nicht vom Himmel begnadet, leicht und ohne Erinnerungen. Ihm folgten sie auf Schritt und Tritt: nur die ersehnte Gestalt im Spiegel hatte keine — hatte auch keinen Kopf, denn der Rahmen schnitt ihn ab. Sein Kopf, von schwärzlichen Geistern umschwebt, sann dem Ende nach.
Sein Bruder Franz war hoffnungslos erkrankt; das Blut trat aus ihm, wie einst aus seinem anderen Bruder Karl. In Flandern hatte er den Rest seiner Kräfte unnütz wie alle früheren vertan, lag jetzt und starb. Der König war kinderlos, und hoffte auf keinen Dauphin mehr, denn nichts hatte geholfen, weder die Bäder der Königin noch die große Wallfahrt mit Füßen voll Blasen noch ein inständiger Bittgang des ganzen Hofes durch die Kirche Notre-Dame. Alles war getan; Angst, Ruhelosigkeit und die Qualen des Ungewissen hätten halbwegs zurückbleiben sollen hinter einem, der allein auf das Ende zugeht. Indessen mit der beschlossenen Unfruchtbarkeit und dem höheren Urteil, auszusterben, findet man sich nicht auf einmal und endgültig ab — nicht Valois kann es. Zweihundert Jahre der Herrschaft seines Geschlechtes sind herum, er soll sie abschließen. Nur zeitweilig scheint ihm das Opfer schon gebracht; unbeirrt und unbetrogen hält er den Sinn auf das Ende gerichtet und übt sich im täglichen Schauder des Endes, bis auch der vielleicht abgenutzt sein wird und der Tod keinen Schrecken mehr hat. Der Tod wäre zuletzt nicht furchtbarer für den Inbegriff ganzer Zeitalter und eines aussterbenden Königshauses als für einen einzelnen Menschen in seiner Schwäche.
Um dies womöglich zu erreichen, tanzte der König allein, oder fing stundenlang einen kleinen Ball in einem Schälchen auf, oder schlang sich ein blaues Band um den Hals, daran hing ein Korb mit jungen Hunden. Die krochen und winselten: sie lebten, besorgten es für ihn, er brauchte sich nicht zu rühren. Als der Tod seines letzten Bruders ihm gemeldet wurde, stand er selbst ganz wie ein Toter; erwachte auch nicht, antwortete nicht. Die Eingedrungenen verstummten darüber, sie waren versucht, ihn mit dem Finger anzustoßen.
Der Hof erwartete von ihm, daß er jetzt wieder einmal den Mönch spielen würde, im Chor singen mit den anderen Brüdern, bei goldenen Leuchtern und Räucherfässern, die er selbst entwarf aus Sehnsucht, etwas zu erzeugen. Nein, er veranstaltete Trauerfeierlichkeiten, schön wie eine Hochzeit. Das Volk mußte an ihnen teilnehmen, bezahlte sie übrigens so gut und so teuer wie die Hochzeiten der königlichen Lieblinge. Die ganze Geistlichkeit war aufgeboten für das Trauergeleit, darunter dieselben Priester, die von der Kanzel predigten gegen den König. Auf sie folgte der Sarg, getragen von Edelleuten des Toten, und hinter ihm der König — von seinem Haus, das in Särgen lag, nur noch er. Man wunderte sich: der Valois handelte, als wollte er besonders zur Schau stellen, wie allein er war, jetzt und immer. Schwarz verhangene Straßen, und in dem Zuge ging er allein, ohne seine unfruchtbare Königin, mit Abstand von allen anderen, lauter Fremden. Vor ihm der Sarg seines letzten Bruders war eingehüllt in Fahnentuch aus Feldzügen, die der Verstorbene geführt hatte mit zweifelhaften Ehren, und manche gegen seinen königlichen Bruder. Dieser hatte ihm den Tod gewünscht, und nun der Wunsch eingetroffen war, ging er im Zug allein, zwischen dem Sarg und den Fremden.
Den Vortritt unter seinem Gefolge hatten die Günstlinge Joyeuse und Epernon, er hatte sie ausgestattet mit Herzogtümern und ihnen die beiden Schwestern der Königin gegeben. Dann kamen schon gleich seine Feinde, die ihn gegen seinen Willen zu beerben dachten, die Guise.
Sie traten größer auf als sogar der König, ihr eigenes Gefolge prangte zahlreicher, viel edler die Pferde, die man an den Zügeln mitführte. Sie selbst waren Gestalten von hervorstechender Machtfülle. Der Herzog von Guise hatte inzwischen harte Züge bekommen. Er strahlte nicht mehr hell wie einst über Volk und ehrbare Leute hin, der Traumheld ihrer Frauen. Das hatte er nicht länger nötig: so wenig das Verführen wie das Beschenken. Jetzt wurde befohlen. Weder Bürger noch Bauer wurden um ihre Stimme ersucht, sondern wer der Liga nicht beitrat und dem Führer blinden Gehorsam schwor, war verloren. Tu Arbeitsdienst und leist ihm deine Wehrpflicht! Zahl ihm Abgaben, sei tagelang auf den Beinen trotz deinen Krampfadern, bei allen Kundgebungen der Partei, sooft er ihre Massen aufruft! Wo nicht, verlierst du Arbeit und Absatz, du bist geächtet, nur dem Spion und Verräter, der dich ausliefert, lohnst du die Mühe. Wer nachher deine Leiche findet, macht einen Bogen.