Ein mörderischer Geheimbund schwillt an unaufhaltsam, er legt sich über den Staat und saugt ihn in sich auf, während die Gesetzlichkeit nachgerade kraftlos aussieht wie dieser König unter seinem Baldachin bei dem Begräbnis seines letzten Bruders. Heute beredet der halbe Trauerzug — Geistlichkeit, Armee und Hof, die ehrbaren Leute und das Volk, alle bereden heute seine Nachfolge, nicht anders, als begrüben sie ihn selbst. Morgen werden seine eigenen Lieblinge zu den Guise überlaufen, die Liga wird ihn lebend von der Erde vertreiben, ihn fortdrängen auf einen letzten Fleck, bis jemand ihn tötet. Er weiß im Grunde viel voraus — zwingt sich, aufrecht zu schreiten unter seinem Dach aus gewirktem Gold, und hört, was nicht für ihn bestimmt ist: wie sie untereinander seine Provinzen verteilen, ihre Ansprüche anmelden auf die Ämter, Finanzen und die Kriegsmacht. Er hört es nicht wirklich, der Abstand zwischen ihm und allen wäre zu weit: er fühlt. Sein Inneres zittert von Ahnungen, die Geräuschen gleichen. Er schließt die Augen und meint bei Nacht durch einen gefahrvollen Wald zu irren. Wer verteidigt ihn? Da schrickt er auf — ein Getümmel. Auf den Stufen dieser Kirche schreit ein Haufe: «Valois, verrecke!» — was ihm nicht neu ist.

Dergleichen wird bestellt und bezahlt, er weiß von wem. Einschreiten der Wache, die Schreier flüchten, Gedränge, der Zug kommt ins Wanken. Der Baldachin sinkt, er knickt langsam ein über dem König, der sich bückt, der ein Knie beugt, dann beide, endlich aber legt er sogar die Stirn auf die Steine.

Als er aufgerichtet und wieder ganz bei Sinnen ist, haben die Guise ihn zu seinem Schutz umringt. Sie verdecken ihn dem Volk, das nur sie erblickt und ihnen zuruft. Der Kardinal von Lothringen zeigt ohne Scham ein großartiges Verbrechergesicht. Der zweite, Mayenne, stellt mehr Leibesumfang zu Schau, als tückische Menschen haben können: das ist erprobt und bekannt. Der Herzog — «Großer Mann!» spricht sein besoldeter Chor. «Heil!» brüllt sein mörderischer Geheimbund, den er total und eins mit dem Land will. Dies ganze Volk ein mörderischer Geheimbund, das denkt er zu erreichen, nur wenig steht hinderlich davor, wie er meint. Der Herzog — «Großer Mann! Heil!» — macht keinen Gütigen mehr, sondern den Strengen. Seine Maske ist gewulstet von harten Muskeln, die Entschlossenheit verkünden. Er wird zwar das Königreich unter zwölf seiner obersten Schurken aufteilen nach der Verdrängung des Königs in den letzten Winkel, und alle Unterschurken sollen stehlen und töten dürfen. Vorausgesetzt bleibt ihre eigene stramme Unterwerfung, sonst werden sie selbst die viere von sich strecken und starr sein anstatt stramm. Das ist beschlossen, seht die Muskelbündel um den Mund des Führers. Töten und getötet werden, eine Bartholomäusnacht ohne Ende soll das Reich des Führers sein, heil!

Da sie ihn eng umgaben und der Abstand ihm genommen war, entfiel dem vergessenen König sein ganzes Wissen, soviel er sonst spürte und nahen hörte. Er nahm einen der Jungen des Guise, der Herzog hatte Söhne, nicht unfruchtbar, nicht unfruchtbar — nahm ihn und zog ihn an sich, wie einen eigenen. So wohnte er der kirchlichen Handlung bei, und auch den Weg zurück in sein Schloß machte er inmitten seiner Mörder und der Mörder seines Landes — die ihn wenigstens diesmal noch schützten. Der Zug vermehrte sich um ihre Edelleute und Söldner, auf allen Plätzen stießen sie zu ihm. Was der Zug nachgerade vor Augen führte, war nicht mehr die Trauer um einen Valois, war schon die anbrechende Macht der Guise. Der letzte Valois hielt den Arm um eins ihrer Kinder, er ging im Takt der Trommel, die ihre Truppen schlugen — für sie, nicht für ihn. Sein war einzig, unter dem weiten, harten Himmel dieses Reiches, ein schrilles, armes Totenglöcklein: das schwang ferner und ferner.

Die Muse

Die Liga in ihrem Eifer für die römische Kirche, für Guise, mehr oder weniger wissentlich aber nur für die Auflösung des Königreiches und für Spanien — die heilige Liga hatte noch eine, wenn auch unbedeutende Sorge. Es war der König von Navarra, der sie zwar im Ernst nicht aufhalten konnte. Wenn eine so herrliche Bewegung durch ein erwachtes Volk geht, muß sie fraglos ans Ziel führen. Schlechthin alles spricht für sie, namentlich die Ehre der Nation, die eine anerkannte Schande, hier ist es die Ketzerei, nun einmal nicht länger tragen will. In solchen Fällen ergibt sich auch, daß die «Schande» wenig Geld, die «Ehre» dagegen viel hat. Ebenso steht es infolgedessen mit den Soldaten. Sie sind fast alle auf seiten der «Ehre»; anders kennt man es gar nicht.

Man darf nichts versäumen, und der König von Navarra machte mehr von sich reden, als gut war. Die Liga beschloß, es sollte aufhören. Sie ließ den König von Navarra beobachten und erhielt Nachricht, daß er sich unausgesetzt zu der Gräfin Diana Gramont begab, in eines der Schlösser dieser reichen Dame. Die lagen aber in der Guyenne; der König von Navarra war dort leichter zu fangen. Die Liga verteilte Reiterei allerorten, wo er hätte vorbeikommen können. Leider zeigte er sich niemals gerade dort, denn er wußte, daß er sollte geschnappt werden, und vermied die Schnapphähne. Er wurde mit Nachrichten noch besser versehen als die Liga, und zwar von der Gräfin Gramont selbst. Durch die Umstände, weil ihr Freund es schwer hatte, sie zu besuchen, entstand bei ihr der Mittelpunkt seines Kundschafterdienstes. Wenn sie ihm abraten mußte zu kommen, dann schrieb er — und bekam seinen stärkern Stil zu derselben Zeit, da er aufbrach nach seinem größeren Ziel. Eines Tages, da sie in Bordeaux war, schrieb er an seine Muse.

«Meine Seele!» schrieb er. «Der Diener, den sie statt meiner fingen bei der Mühle, war gestern wieder bei mir. Sie haben ihn gefragt, ob er nicht Briefe bei sich hätte, und er sagte ihnen: ‹Ja, einen.› Den gab er ihnen, und sie öffneten ihn und reichten ihn zurück. Es war ein Brief von Ihnen, mein Herz.»

Hierbei lachte der Stilist in sich hinein. Er bedachte, wie gut es sein kann, Liebesbriefe zu schreiben, darin schlägt der Puls der Natur. Sie schämen sich wohl gar ihres groben Verdachtes, während sie dem Diener das Papier zurückgeben und ihn entlassen. Infolgedessen entgeht ihnen noch immer, daß meine Seele mir für ihr Geld Gascogner Soldaten ausrüstet: bis jetzt zwölftausend, aber das ist nicht alles. Sie schuldet mir das Doppelte, und von ihr erreich ich’s. Die Frau ist ehrgeizig. Sie liebt einen König ohne Geld, ohne Land und ohne Soldaten. Sie ist die erste Geliebte, die mich nichts kostet, sondern draufzahlt. Es soll sie nicht reuen. Hierbei wallte sein Blut, im Augenblick vergaß er die Soldaten, das Geld, schnell schrieb er noch: «Morgen mittag wird aufgebrochen — ich auch, und will Ihre Hände verzehren mit Küssen. Guten Tag, Du mein höchster Besitz. Behalte lieb Deinen Kleinen!»

So war es. Ihr Kleiner schrieb der Beschützerin und Muse. Nur ihre Hände nannte er, sonst nichts von ihrem Körper, während ihm das Blut wallte. Sie hatte ihn Achtung gelehrt und eine früher unbekannte Veredelung des Ausdrucks von Gefühlen — die im übrigen sich gleich blieben. Nächsten Mittag ritt er nach Bordeaux wie vorgesehn: gespannt, was sie sagen würde zu dem lächerlichen Gefecht, das er grade geliefert hatte gegen einige Leute des Königs von Frankreich. Zwei Tote sind der Verlust, die Beute besteht in fünf Pferden: sie wird schelten, weil das seiner unwürdig ist. Dennoch geht es auch dabei um das Leben, nie um weniger. Behalte lieb deinen Kleinen!