Da reißt er am Zügel. Blauer Wald hinter weiten Wiesen, der Fluß Garonne umspült sie. Vor dem Rand des Gehölzes erscheint eine Reiterin. Sitzt quer auf dem geräumigen Pferderücken, ihr weißes Kleid hängt tief herab, die Sonne macht es glitzern. Sie neigt sich in der Hüfte vor, sie senkt ein wenig die Stirn, um Henri zu erkennen. Die Bewegung ist ohne Schwere, die Erscheinung überirdisch, vom Himmel hernieder steigt sie mit Versprechungen vom Ruhm und Größe. «Eine Fee!» ruft er, gleitet vom Sattel und läßt sich auf das Knie. Sie winkt ihm aber mit ihrer Hand, das Licht macht die Steine blitzen. Alsbald eilt er; schon deutet sie ein Ausbreiten der Arme an. Ganz wenig knickt sie ein zu seinem Empfang, wendet selig das Gesicht nach oben. Er verzehrt ihre Hand mit Küssen, sie drückte auf seinen Scheitel ihre Lippen.
Die Szene war ihrer würdig, und beide schwelgten darin — Henri hauptsächlich aus frommem Entgegenkommen für die Frau und ihren Namen Corisande. Dieser verpflichtete zur Darstellung der gehobenen Gefühle. Am Ufer des Flusses unter Pappeln ließen sie sich nieder. Er war nicht ohne Sorgen wegen der beiden Pferde, die aber ruhig weideten. «Meine große Freundin», schwärmte er. Sie sagte bittend und dennoch huldvoll: «Sire!» Ihre weiten Augen voll eines ungläubigen Glückes gingen über die stille Landschaft hin, die Bäume, die nur wisperten, das murmelnde Gewässer. «Sie und ich allein! Wir wissen nichts vom Krieg, die Schrecken der Pest sind uns nie zu Ohren gekommen. Das muß wohl in der Welt sein, hierher dringt es nicht. Die verräterischen Anschläge suchen uns vergebens, so fern von allen Menschen.»
Er rückte ein wenig die Schulter — nach dem Busch, hinter dem er seine Begleiter gelassen hatte. Die ihren warteten in dem Wäldchen, er unterschied mehrere. Alle sollten hervorkommen, wenn hier das Idyll zu Ende genossen war. Henri wurde beredt, er beschrieb der Geliebten die Insel, wo sie leben wollten. Kürzlich hatte er sie entdeckt. Ein Kanal umschlang das liebliche Eiland von Gärten, durch die man auf Kähnen glitt, und Vögel sangen von allen Arten. «Hier, meine Seele, nimm ihre Federn. Fische hätte ich dir noch lieber mitgebracht. Schauerlich, was es dort Fische gibt, und geschenkt, ein großer Karpfen drei Groschen, fünf für einen Hecht.» Unwillkürlich geriet er aus den Gefühlen in die Tatsachen. Daher sagte auch sie, daß er ihr eine ausgezeichnete Pastete geschickt habe. Was die zahmen Eber betraf, waren sie aufbewahrt im Park ihres Schlosses Hagetmau, und sie konnte sich nichts Hübscheres denken als ein reißendes Tier mit so vielen Stacheln. «Sire, Sie treffen unfehlbar den Geschmack Ihrer Dienerin. Ich werde Ihnen danken müssen bis an mein Lebensende.» Das sagte die Dame einerseits wohl mit Ironie, und diese war mütterlich. Wie denn auch. Ihm gleichaltrig, in Wahrheit reifer als er, sah die Zweiunddreißigjährige überlegen zu, wie seine Hände sich an ihrem Körper verirrten. Als wäre sie es nicht selbst, blieben die Flächen ihres Gesichtes völlig weiß, die Augen gelassen zärtlich. Sie wußte, was sie wollte und glaubte ihn zu lenken. In diesem Augenblick schonte sie seine königliche Eigenliebe, daher erwähnte sie seine Geschenke und ihre Dankbarkeit, wenn auch mit spöttischer Nachsicht. Dann erst ging sie zu ihren eigenen Wohltaten über: die waren viel größer und versetzten ihn in ihre Schuld — für immer, wie sie hoffte.
Die Dame klatschte in die Hände, aus dem Gehölz hervor sprengten zwei Reiter: fremde Offiziere. Erst als sie absaßen, erkannte Henri, daß sie an ihren Schärpen seine Farben trugen. Sie schwenkten ihre Federhüte über den Boden hin und baten die Gräfin Gramont um die Erlaubnis, ihr neues Regiment dem König von Navarra vorzuführen. Sie winkte gewährend. Nochmals die Hüte über den Boden und ab im Galopp: kaum hatte Henri sich gefaßt. Niemand war begabt, ihn zu überraschen und in ein Reich der Wunder zu versetzen, wie Corisande.
«Sire! Ich bin selbstsüchtig», sagte sie, um jeden Dank abzuschneiden. «Ich will Sie groß sehen.»
Er sagte: «Vielleicht verlieren Sie an mir Ihr Geld. Nicht einmal als König von Frankreich hätte ich genug, um Ihnen gebührend zu lohnen, was Sie jetzt tun.»
Die Begeisterung für seine «große Freundin» ergriff ihn. In seine Augen schossen die Tränen; er mochte wollen oder nicht, er mußte huldigen. Die Frauen sind der Maßstab: ob sie ihn begeistern oder er sie mißachtet. Sie sind das Leben selbst und wechseln mit ihm an Wert. Gräfin Diana erreichte heute den allerhöchsten, und sie begriff es. Verdienstvoll war es, daß sie ihn nicht aussprechen lassen wollte, was er nachher bereuen mußte, und sehr klug, daß sie ihn aufhielt.
«Sprechen Sie nicht, Sire! Wenn Sie einst in die Hauptstadt Ihres Königreiches einziehen, werden Sie zu einem Balkon hinaufblicken. Das ist alles und ist genug.»
«Sie sollen mit mir einziehen, Madame.»
«Wie wäre das möglich?» fragte sie in angstvoller Erwartung — und leider ist die Klugheit vergessen, wenn das Herz klopft.