Der König zuckte zusammen. In diesem Augenblick stand es bei ihm fest, daß er sich in eine Falle begeben hatte. Henri wurde vom Mitleid erfaßt bei dem Anblick; schnell neigte er sich zu dem Ohr des Königs und flüsterte dringlich: «Henri Valois, wozu bist du gekommen? Trau mir doch!»
Wirklich zeigte sich etwas Erleichterung auf dem armen Gesicht. «Laß deine Truppen abziehen!» verlangte der König ebenso leise. Sogleich befahl Henri dies; für seine Offiziere allein aber setzte er hinzu, das Regiment sollte innerhalb der Mauern bleiben, es sollte die Festung abschneiden und gegen Anschläge wachsam sein. Valois, wir sind einer vor dem anderen nicht sicher. Glücklicherweise konnte er ankündigen:
«Sire! Der Bürgermeister mit mehreren Herren vom Rat!» Vier Männer in Schwarz, sie knieten vor den König hin. Der mit der goldenen Kette begrüßte ihn in einem Lateinisch, dessen besondere Reinheit der König wohl erkannte, und hierauf französisch: das schien noch verdienstvoller, weil klassischer Ausdruck schwerfällt in der gewöhnlichen Sprache, besonders einem Mund aus dem Süden. Der König empfand Vergnügen, zeitweilig vergaß er beinahe die Gefahr. Er ließ die Männer aufstehen, und endlich betrat er das Rathaus. Einige sagten nachher, daß nur die Kunst des Herrn Michel de Montaigne ihn dazu vermocht habe.
Erbe der Krone
Zuerst führte der Bürgermeister den König in den größten Saal. Dieser hatte seit der überraschenden Ankunft der Majestät nicht schnell genug beleuchtet werden können. Die entfernten Schatten beunruhigten den König, er verlangte ein kleines helles Zimmer, daher öffneten sie ihm die Bibliothek des Bürgermeisters. Der König von Navarra befahl seinen Edelleuten, sich mit denen des Königs von Frankreich in die Bewachung zu teilen. Dieser wendete sich unter der Tür um und verlangte laut: «Hier vor der Tür nur meine!» Henri sagte in gleicher Stärke: «Meine besetzen den Ausgang!»
So gesichert überschritten die beiden diese Schwelle. Montaigne wollte zurückbleiben wie alle anderen; der König indessen hieß ihn mitkommen. Er setzte ein düsteres Lächeln auf, um zu sagen: «Herr de Montaigne, Sie sind ein Edelmann meiner Kammer. Hier ist es eng. Wenn Mörder eindringen, fallen wir in dem Getümmel alle drei. Wollen Sie mich noch rechtzeitig warnen vor einer Gefahr?»
Auch Montaigne verzog die Miene, vielleicht verlieh er ihr Ironie, gewiß Ergebenheit. Er versetzte: «Omnium rerum voluptas — Vergnügen machen alle Dinge gerade durch die Gefahr, die sie uns verleiden soll.»
«Sie haben viele Bücher», erwiderte hierauf der König, sah die Wände hinan und seufzte. Er dachte an seine Schreibereien, den bequemen Pelzrock, die Mönchskutte, mit der er sich vortäuschte, er hätte abgeschlossen. Hier mußte gekämpft sein.
«Werden wir hier etwas Rechtes schaffen?» fragte er; es klang nicht hoffnungsvoll. Sein Vetter und Schwager antwortete ihm: «An mir soll es nicht fehlen», wobei er anfing, das Knie zu beugen. Der König griff zu, zog ihn hinauf und sagte: «Lassen wir das Getue: die Zeremonien, mein ich. Sag, was du willst.»
«Sire! Ich bitte nichts als Ihre Befehle.»