Hier bemerkte der unglückliche Valois dennoch, daß er zuviel sagte — vor Vetter Navarra und im Beisein eines anderen, mit den zu klugen Augen: ein Verräter. Wo ist mein Dolch! Dieser Gedanke ist dem armen König vom Gesicht zu lesen: es wird so häßlich, so schwarz. Die Furcht mitsamt der Eile zu töten, nur damit einer fort ist — das Blut seiner Mutter, die lange Erziehung im Louvre, alles zusammen verwandelt das Gesicht des letzten Valois diesmal bis auf die niederste Stufe. Herr Michel de Montaigne, obwohl nicht ohne Bangen vor dem Dolch, bedauert den König tief, da nichts einen Mann so wehrlos macht wie das Aussetzen der Vernunft. Sonst nur ein bescheidener Edelmann der königlichen Kammer, hier tritt seine Überlegenheit ein, sogar gegen den König: denn er selbst verliert das Denken keinesfalls, auch nicht im Schlaf. Er erlaubte sich, einen Schritt vorzutreten und zu sprechen.

«Sire! Nie sollten wir die Hand gegen unsere Diener erheben, solange wir zornig sind. Das war ein Grundsatz Platons. Demzufolge sagte ein Lakedämonier namens Charillos zu einem Heloten, der frech wurde: ‹Bei den Göttern, wenn ich jetzt nicht Wut hätte, ich brächte dich um.›»

Herr Michel de Montaigne wußte genau, warum er grade dieses Beispiel anzog. Er erinnerte den König an den ungeheuren Abstand zwischen ihm und allen Menschen, ob ein einfacher Edelmann oder der Herzog von Guise. Herr und Knecht: der eine kann den anderen nicht beleidigen, und dieser sich nicht rächen. Wenn das erwähnte Beispiel schmeichelhaft war, es verletzte doch die Wahrheit kaum und unterstützte die Mäßigung; darum wurde es gebracht. Übrigens hatte es mehr Erfolg, als der Humanist sich wünschte. Der König wendete den Rumpf zur Seite, gegen die hohe Lehne seines Sessels drückte er die Stirn, und seinen Schultern war anzusehen, daß er weinte. Seine Trauer war lautlos diesmal — war nicht nur Schmerz, sondern schon seine Auflösung, war Ergebung und Erleichterung. Daher geschah es, daß er den beiden, die ihn doch töten konnten, den Rücken wendete, um stumm seine Tränen zu vergießen. Er fürchtete niemand.

Als er zurückkehrte aus der Haltung der Einsamkeit, hatte er gerötete Augen und den Ausdruck eines begierigen Kindes. «Vetter Navarra, weißt du wohl? Es sind zehn Jahre, daß wir uns nicht mehr gesehen hatten.»

«Seit ich euch aus den Fingern gerutscht bin? Wahrhaftig zehn Jahre?» fragte Henri schnell, und hatte es zurück wie sein Vetter, das Gesicht der Unschuld.

«Zehn Jahre wie ein Tag», sagte Vetter Valois. «Ich weiß nicht mehr, womit sie mir vergangen sind. Und dir?»

«Mit den Mühen des Lebens?» war die Antwort und stieg an in der Art des Zweifels. Henri schüttelte dabei den Kopf.

Vetter Valois griff nach seiner Hand, drückte sie dringlich, raunte ihm zu: «War alles nur Irrtum. Du verstehst doch? Irrtum, Verblendung, unglücklicher Zufall.» Denn so entschuldigt man ein verfehltes Leben, und dies ist der Augenblick des Erstaunens.

«Vetter Navarra! Hat es denn sein müssen? Denke nur das eine: ihr — ihr wäre die Bartholomäusnacht nicht eingefallen.»

Henri, auch mit Staunen, erinnerte sich: «Sie selbst hat gewußt, daß die Guise erst nach der Bartholomäusnacht könnten gefährlich werden. Sie werden das Königreich an Spanien verkaufen: so hat sie mir’s vorhergesagt. Aber sie mußte gegen ihr besseres Wissen handeln.» Was erst die richtige Dummheit ist, setzte er im stillen hinzu. «Ich gestehe dir», sagte er am Ohr des Vetters, «daß ich sie außerordentlich gehaßt habe, und zwar für mein eigenes Unglück wie auch für die großen und unnützen Hindernisse, die sie aufzurichten pflegte gegen das Glück dieses Landes.»