‹Vetter Valois hat nicht Wort gehalten, was erwartete ich denn auch. Er ergibt sich der Liga, bevor sie ihn umbringt. Nach ihrem Siege täte sie es um so sicherer. Vetter Valois, du verläßt dich darauf, daß ich dich und die Liga schlage. Das ist deine Rettung, wie es meine ist. Deine Untreue befestigt unser Bündnis, ich wollte wohl, ich könnte den Herrn, meinen Gott, bitten, daß er die Prüfung von mir nimmt, oder sie wäre vorbei und ich selbst deckte mit meinem Leib den Boden des Königreiches.›
Diese Versuchung widerfuhr dem Vierunddreißigjährigen gegen das Ende einer Spätsommernacht, zu der Stunde der größten Ermattung durch ein solches Wachen. Alle Kerzen waren erloschen. Gleich darauf dämmerte es im Fenster, und er konnte sehen, daß eine Hälfte seines Schnurrbartes weiß geworden war.
Der fröhliche Tag
Man ist keine tragische Gestalt, steht daher nicht, für alle erkennbar, im Mittelpunkt des Geschehens. Andere handeln und nehmen sich wenigstens so wichtig. Da ist Guise, er will Sieger sein über eine deutsche Armee, die aus der Schweiz den Hugenotten zu Hilfe kommt; gewonnene Schlachten fehlen ihm bis jetzt an seinem Ruhm. Auch freut Joyeuse, der junge Marschall, sich wie ein Kind darauf, den König von Navarra zu schlagen mit seiner ausgewählten Ritterschaft. Er sitzt nur noch etwas in einer der Städte, die er unterwegs einnimmt, und nach dem fetten Leben bei Hof macht er eine Kur zur Reinigung seines Innern. Abgeführt und leicht soll der Feldherr in die Schlacht reiten.
Nicht allein dieser neue Gegenspieler erwartet Henri: sein alter Biron, derselbe, den er als bitterbösen Feind gehabt hatte während seines kleinen Gefechtes im eigenen Land, auch hier draußen fand er sich pünktlich ein. Henri hatte die Provinz Guyenne damals vertauscht mit der Provinz Saintonge, denn sein Heil bestand im Angriff: den Krieg hinaustragen, ihn nach dem Norden verlegen, Paris bedrohen — Fama immer vorausfliegend und blasend. Sein alter Biron ließ es sich einfallen, eine gewisse Insel anzugreifen: Marans, nahe dem Ozean; Henri hatte sie seiner Freundin Corisande höchst reizend im voraus beschrieben. Das Wasserband, das dieses liebliche Eiland von Gärten umschlang, war nur leider Sümpfen abgewonnen, und in ihnen verkam das Heer des Feindes. Er mußte die Belagerung aufheben, war selbst verwundet, auch das Geld vom Hof ging aus. Wie denn, ein König, der die Abgaben seines Volkes nur immer an seine Günstlinge verschwendet hatte, soviel nicht Diebe oder die heilige Liga für sich nahmen: derselbe Fürst sollte auf einmal drei bis vier Armeen bezahlen? Das Geld für Biron blieb zuerst fort. Einiges erbeutete Henri: nur wenige tausend Taler, aber das entschied den Zusammenbruch des Marschalls, seine Truppen liefen ihm weg.
Hiermit hatte Henri sich nicht nur Birons entledigt, sondern auch seines Vetters Condé, infolge des auffallenden Gegensatzes zu den Fehlschlägen, die dieser Mitbewerber um die gleiche Zeit erlitt. Der Sieg Henris auf der Insel gewann ihm die harten Protestanten von La Rochelle, die andernfalls den guten Parteimann und mittelmäßigen Führer Condé gern vorgezogen hätten. Jetzt gelangten die zahlreichen Ungeschicklichkeiten des Glaubensgenossen erst recht zur Geltung. Nachträglich wurde in den strengsten Häusern über ihn der Kopf geschüttelt. Zuerst war im Schloß zu Nérac auf seine Kosten gelacht worden, der Vetter verzieh es nicht.
Kam die Reihe an Joyeuse, als er endlich erleichtert war und ins Feld ritt. Da wird Henri allerdings die tragische Gestalt: beim Treffen mit der größten und reichsten der königlichen Armeen, auf offenem Feld, am Tag der Entscheidung. Noch mehr wird Henri hier: Glaubensheld nach dem Vorbild der Bibel. Die Zweifel an ihm ersterben. Der streitet nicht mehr um Geld und Gut, noch um die Krone: vielmehr zur Ehre Gottes bringt er sie dar. Nimmt die Partei der Schwachen, Verfolgten, unwandelbar fest, gesegnet vom Herrn der Himmel. Der hat die reinen Augen wie ein Kämpfer für die Religion. Es ist nicht wahr, was so lange umging von seinen Liebschaften, tollen Streichen und seiner Lauheit. Unser Held und Streiter, unser höchst Gesegneter, wir eilen dir zu.
So stießen sie zu ihm von vielen Seiten — und im voraus erhoben von seinem Ruf, wurden alle diese Menschen beseligt, als sie mit Augen sahen, wie er war: einfach und gut. Eigenhändig grub er Erde aus den Laufgräben, aß im Stehen, schlief in Waffen — und lachte. Wegen seines Lachens blieb man bei ihm, ob es Geld gab oder keins, ob gegessen wurde oder gefastet. Er machte sogar seine Pastoren fröhlich, des Nachts aber weckte er seinen Hauptmann Turenne, seinen Hauptmann Roquelaure, und es wurde aufgepaßt bei fertig daliegenden Lunten.
«Sire! Was hilft es indessen, daß wir wachen und uns vom Feind nicht überraschen lassen. Bei Tag setzen Sie Ihre Person aus, als hinge an ihr nicht alles: waten durch offene Sümpfe, von den ringsum einschlagenden Kugeln spritzt das Wasser Sie an.»
«Und falle vielleicht morgen», antwortete Henri ihnen. «Deswegen bleibt doch aufrecht meine Sache, da sie die Sache Gottes ist.»