Dies sprach er unter den Sternen, glaubte es auch — recht, wie man glauben soll, denn seine Zuversicht war völlig grundlos, und in Wirklichkeit wäre mit ihm sofort auch die Sache gefallen. Wollte aber Gott dies Königreich retten, dann mußte er, ob gern oder ungern, Henri erhalten.

Unvermeidlich treten Zeiten der Ermüdung ein. Vierzehn Tage nicht im Bett gewesen, all die Sorge um die eigene Mannschaft — und um den Feind, der hingelockt werden soll, wo man ihn braucht. Als sie endlich aufeinanderstießen, der Herzog von Joyeuse, der König von Navarra, da fand sich dieser eingeschlossen zwischen zwei Flüssen und von seiner Artillerie getrennt. Womit er sich instand setzte, das waren seine Schnelligkeit, Beweglichkeit und sein gutes Glück. Dieses fügte es, daß der Feind um so schwerfälliger und langsamer war. Die Hugenotten hatten vor ihren Zelten die Psalmen gesungen noch bei dämmerndem Morgen, und der Feind stellte sich erst umständlich auf. Alsbald verlegten sie sich darauf, ihn auszuhöhnen und zu beschimpfen: die weichlichen Herren vom Hof, die Fresser, die Diebe an Steuergeldern und Schweiß der Armen.

«Genug abgeführt, Herr Herzog? Sonst sind wir da, und Angst tut mehr als Latwergen. Keiner von euch Herren kann verdauen, was er hat geschluckt an Pfründen und Pensionen, daher kommt ihr nicht von der Stelle. Aber das ganze Schlachtfeld stinkt von ihren Duftwässern. Nach getaner Arbeit sollt ihr anders riechen!»

Unheilvolle Drohungen werden weit hinübergetragen auf hellen Stimmen. Drüben ließ das heraufsteigende Gestirn schimmern und blitzen das silberne Heer. Das war das Heer der Reichen: viel edles Metall, goldene Dolche, goldene Helme, Edelsteine sind eingelassen in die Waffen, die Taschen sind voll Geld, die Stirnen voll Rechnung und Besitz; unter jedem silbernen Panzer klopft nicht allein das Herz: die Macht, die Macht klopft in euch und ist Macht von Zöllnern und Einnehmern, die sich bereichern an Witwen und Waisen. «Hundsfott!» Ein rauher alter Mann, der aber scharfe Augen hatte rief weit hinüber: «Dreh dich nur her, dich hab ich erkannt, du warst es, der mein Schloß angezündet hat mit deinen Landsknechten. Du bist einer von der Liga.»

Dieser Name erhöhte die Wut des protestantischen Heeres. Der verhaßte Feind wären nicht die Königlichen gewesen: die Mordbanden der heiligen Liga, auch sie standen drüben. Die hatten Bethäuser zerstört, Pastoren geröstet, die weibliche Natur mit Pulver gefüllt. Das seid ihr, die uns die Heimat verbieten mitsamt dem Glauben, und sollen nicht sein und denken, wofür wir gemacht sind von unserem Schöpfer. Aber er will, daß ihr heute sterbt! So beteuerten ihnen die Pastoren, die zwischen ihren Reihen umhergingen auch im Wams und Koller, damit das wahre Wort zuletzt noch gehört würde. Bevor der Pastor fertig war, stellte der Hauptmann seine Kompanie in Schlachtordnung auf.

Der König von Navarra war überall sichtbar, obwohl selbst nur im grauen Leder und Eisen; ihm selbst entging nichts, besonders keine Bewegung des Herzogs von Joyeuse. Die beiden ließen einander Zeit, bevor es vollends ernst wurde. Am Ende soll einer von beiden vor Gott treten, indes der andere das Feld behauptet. Jedes der Geschicke ist groß; deswegen achten sie einander und gewähren einander den Vorteil, der noch zu gewinnen ist, bevor es vollends ernst wird. Joyeuse vollführt schwierige Manöver mit seiner allzu glänzenden Reiterei, ohne daß jemand ihn stört. Währenddessen kann Navarra schnell seine letzten Feldschlangen über den Fluß holen. Auch sprach er seine beiden Vettern an, um sie an ihr gleiches Blut zu erinnern. Es waren Condé und Bourbon Soissons, der Geliebte seiner Schwester Catherine.

Als Henri schon glaubte, er wäre bereit, trat vor ihn hin Philipp Mornay mit zwei Pastoren. Ohne Umschweife, da die Schlacht und vielleicht das Opfer des Lebens warteten, warf Mornay seinem Herrn vor, daß er noch wieder in La Rochelle eine Liebschaft gehabt hatte, und diese lastete im letzten Augenblick auf der Tugend der Hugenotten. Henri gab seinen Fehler den Pastoren zu. Er sagte: «Vor Gott kann man sich nicht genug demütigen, und Menschen nie genug trotzen.» Worauf er davonsprengte, denn er erblickte einen Überläufer — ein Anführer, der sich mit seinem Trupp unentschlossen zwischen Hügeln bewegte, in einem vorläufigen Abstand von beiden Armeen. «Fervaques!» rief Henri schon von weitem. «Wenn wir siegen, kommen Sie zu uns!»

Sofort wendete er, ohne sich erst zu überzeugen, was auf seinen Anruf geschähe. Die Leute des graden und schlichten Soldaten nötigten ihn aber, sich zu entschließen, denn sie folgten dem König von Navarra. Henri sah am Stand der Sonne, daß es neun Uhr war, und seit zwei Stunden manövrierten die beiden Heere, jedes vor den Augen des andern. Im Oktober ist dies keine vorgeschrittene Zeit; das Licht fiel schräg aus Wolken, die niedrig, langsam hinzogen über die Ebene, so daß anschaulich zu bemerken war: auch große Heere mitsamt den Feldherrn werden klein, sie werden sehr gering unter den sehr großen Wolken; und hinter diesen ist ein Himmel — kann sein, er will uns gar nicht kennen.

Henri reckte sich auf seinem Tier, er rief in die tiefen Reihen der Seinen hin, den Augenblick, bevor er mit ihnen den Feind angreifen wollte: «Gefährten, es geht um den Ruhm Gottes!» So rief er grade wegen des niederen Himmels. «Unsere Ehre will, daß wir siegen, oder wenigstens müssen wir das ewige Leben retten. Vor uns liegt der Weg. Los im Namen Gottes, für den wir kämpfen.» Während er dies in die Reihen rief, besann er für sich die Befehle, die sogleich folgen sollten.

Es kam anders, und das protestantische Heer, ohne Geheiß noch Verständigung, kniete hin und betete: das ganze Heer. Es betete laut wie Getöse, Donnerschlag, oder Glokken, an denen man reißt, Psalm 118: «Danket dem Herrn, denn er ist freundlich, und seine Güte währet ewiglich.»