Valois schlug sich gleicherweise umher mit den Mördern seines Königreiches und seinen eigenen: saß mit ihnen am Tisch und lebte im Grausen. Damals hielt er die Ständeversammlung zu Blois. Der König hatte sich dorthin geflüchtet; alsbald folgte Guise ihm, auch die Häupter der Liga machten sich auf die Strümpfe, die sechzehn, die jeder ein Pariser Stadtviertel befehligten. Ja, gemeines Volk aus der Hauptstadt wird hingeschafft, als Drohung für die vernünftigen Abgeordneten der Provinzen, auf die Valois allenfalls zählen dürfte. Vernunft ist anrüchig und wird abgeschreckt. Eine Bande von Geißelbrüdern überfällt den König; die muß er wohl empfangen, er hat ihre Aufführungen selbst schon mitgemacht aus Neigung, sich zu verkleiden. Ein Bruder seines toten Lieblings Joyeuse stellt den Gekreuzigten dar, eine ganze verwilderte Passion bricht in die Zuflucht des armen Königs ein, Christus blutet leibhaftig, die römischen Soldaten rasseln mit rostigen Waffen, unvermutet springen sie unter die aufgeregte Menge. Die heiligen Frauen sind eigentlich Kapuziner, um so besser können sie heulen, klagen und sich hinwerfen. Da bricht, unter den Hieben der Geißeln, auch der Menschensohn nieder. Heb ihn auf, Valois! Wenn du dich weigerst, verrätst du die Religion. Wo nicht, haben wir dich im Gewühl, und nur ein einziges Messer wäre nötig. Indessen fürchteten sie im Grunde sich selbst und ihren lästerlichen Rausch.
Was sollte ein gelehrter Jurist und Mitglied des Königlichen Parlamentes davon denken, denn auch diese Herren wurden mit gepreßt zu dem Unfug. Gelehrsamkeit wird schwer vergessen, und ein klarer Geist verwirrt sich nicht auf Befehl. In dem Fall erleichtert es den Umschwung, daß jemand der Massenbewegung beitritt: darin versinkt er bis über den Kopf; und wer sonst zuviel gedacht hätte, lernt es, aus massenhafter Gerührtheit und Volksverbundenheit zu heulen «wie ein Kalb». Der Präsident de Neuilly brachte es hierin weit genug, daß sogar der Tyrann Valois bewegt war, und gerade gegen ihn sollte er das gekränkte Volk doch aufbringen mit seinen Tränen, während ein Prediger Boucher dasselbe erreicht, wenn er schäumt. Jeder in seiner Art, der Herzog von Guise seinerseits machte es mit dem Drücken vieler schmutziger Hände, was ihm sehr zum Ekel war.
Dem Herzog von Guise begann alles zum Ekel zu werden, seine Rolle als Volksheld, sein Eifer in der Freundschaft für Spanien, sein Verkehr. Umringt von spanischen Galgenvögeln, die ihn beaufsichtigen, mußte er dem hochmögenden Gesandten Don Philipps seinen eigenen Fürsten schamlos preisgeben. Er mußte sprechen: «Der König, Ihr Herr, wird uns zu Hilfe kommen, wenn unser Fürst sich der Hugenotten bedient.» Guise wäre lieber selbst Hugenott geworden, als dies noch oft zu wiederholen.
Eitelkeit und seine Nachgiebigkeit gegen die Verehrung, die ihm unverdient entgegengebracht wurde, lauter Schwächen im Grunde, hatten ihn in seine falsche Laufbahn geworfen. Er war von zu guter Herkunft, um es nicht zu wissen. Nur ganz kleine Leute halten sich für große Männer, wenn eine verlogene und irrsinnige Massenbewegung sie auf Gipfel trägt, wohin sie nicht gehören. Heil mein Führer! hört ein Herzog von Guise und möchte sich verkriechen oder lieber noch die ganze Gesellschaft zurückjagen in ihre Kramläden. Sich mit dem König versöhnen, ist sein innigster Wunsch. Der König sollte ihn zu seinem Stellvertreter ernennen für das ganze Königreich, dies aber, bevor die Armada siegreich aus England zurück ist und die Spanier die Höhe der Unverschämtheit erreicht haben. Guise will ihnen noch vorher entgegentreten. Dafür ist eins nötig, auch die Ständeversammlung in Blois tagt nur zu dem einen Zweck.
Der König hat ihr versprechen müssen, die Ketzer auszurotten; jetzt soll er den König von Navarra verlustig erklären seiner Rechte als Erbe der Krone. Der König versucht Ausflüchte. Navarra selbst richtet an die Versammlung eine Denkschrift — feierlich erklärt sie gleichwohl seine Anwartschaft für verfallen. Abgesprochen werden ihm die Rechte eines ersten Prinzen von Geblüt.
Dies kaum erfahren, vergaß Henri seine Mörder, seine Muse, und mit der Romantik die Angst. Er zog in den Krieg. Wie? König und Liga, alle entfesselt gegen ihn allein, und treiben mit Umzügen und Geheul eine Unzucht des Geistes, die er seiner Natur nach verachtete wie keinen Sacremore. Unrecht tun und töten will das Leben; aber es will nicht, daß man deshalb heuchelt und die Vernunft abtut. Er zog in den Krieg nach der Bretagne, weit hinauf durch das Königreich, dessen Vertreter ihn inzwischen feierlich absetzten und verstießen. Er schlug sich mit königlichen Truppen und mit denen der Liga, was ihm diesmal für gleich galt, denn er war erbittert. Auf gradem Weg zum Thron — und mußte nochmals untertauchen, wie am Anfang, als Unbekannter. Der große Sieg von Coutras — jetzt wieder Sümpfe, kleine Städte und Hinterhalte, ein armer Edelmann fällt, hundert Feinde lassen sich fangen, Hagel, Sturm, wir nehmen ein Seeschloß. War unsere Kanone früher angekommen! Dumme Sache, zu tun haben gegen Meer und Winde!
Im Eifer des Gefechtes vergaß er dennoch seinen Überdruß und Zorn; freute sich, da zu sein, zu atmen, obwohl sie es ihm nicht gönnten, und Boden zu gewinnen, wenn auch unmerklich. Eines Mittags unter einem Baum allein, außer Atem von der heftigen Bewegung, grade dem Tode entronnen, macht er sich an sein Mahl; etwas verloren sieht er umher. Das Land ist weit, entweicht bis in den Himmel, schweigt und läßt sich überbrüllen vom Meer. Es will ihn nicht, es kennt ihn nicht einmal, und wäre nicht sein tiefinnerer guter Mut, er könnte fürchten, daß für ihn immer aufs neue alles von vorn beginnt wie hier. Dieselben Bilder kehren wieder unendlich: Sümpfe und Hinterhalte, hundert Gefangene, vornüber fällt ein armer Edelmann, es stürmt, hagelt, und das Seeschloß muß ich haben, wär unsere Kanone nur schon zur Stelle! Auf seiner Hand, die schwarz vom Pulver ist, liegt seine Mahlzeit, eine Brotkruste und ein Apfel.
Er hat Hunger und läßt sich gar nichts verdrießen. Er ist hergelangt auf der Lebensreise — einst war das Gebirge besonnt, er lachte und ging durch glückliche Bäche. Noch jung kam er in die Schule des Unglücks, lernte denken, bis vor den Wendungen des Geistes sein Mund anfing sich zu krümmen, oder doch manchmal. Heimgekehrt unternahm er alle gewöhnlichen Mühen des Lebens, wie jeder mit hungrigen Organen und einer Haut, die leicht zu durchlöchern ist. Von kleiner Art waren zuerst die Mühen: setz dich nur ganz daran, ihre Art wird größer. Jetzt ist er berühmt, wird gehaßt, ersehnt, gefürchtet — erfährt auch, wie die Mühen des Lebens zurückfallen können auf vorige Stufen; und unter einem Baum, im Stehen, verzehrt er seine Mahlzeit.
Zu derselben Stunde empfing der König von Frankreich den Gesandten Mendoza. Dieser hatte Nachricht vom Sieg der Armada und ließ sie sofort im Druck verbreiten. Dann fuhr er von Paris nach Chartres; sein erstes war, in der ehrwürdigen Kathedrale der Heiligen Jungfrau zu danken. Nachher begab er sich zum König, der damals gerade den bischöflichen Palast bewohnte! «Victoria!» sagte der Gesandte erhaben, sobald er jemanden erblickte — trat ein beim König und zeigte ihm seinen Brief. Da hielt ihm der König einen neueren entgegen: die Engländer hatten die Armada beschossen, hatten fünfzehn der Schiffe versenkt und fünftausend Mann getötet. An eine Landung in England war nicht mehr zu denken.
Mendoza versuchte alles abzuleugnen, und was dennoch wahr wäre, sollte ihn nicht hindern, erhaben zu bleiben. Fünfzehn Schiffe untergegangen — aber die Armada zählte hundertundfünfzig, lauter Riesen, lauter Türme aus Holz. Fünftausend Tote — darum war die Landungsarmee kaum merklich schwächer geworden, nicht zu reden von den nahenden Verstärkungen.