Nur daß diese in Wirklichkeit nicht nahten, sondern in Holland blockiert waren. Der König von Frankreich bewunderte höflich die schwimmenden Türme, die Don Philipp mit größter Umsicht hatte erbauen lassen. Leider brachte ihre Höhe den Nachteil mit, daß ihre Kanonen nur in die Ferne zielen konnten, und noch bedauerlicher hatte Admiral Drake den wunden Punkt der prächtigen Flotte schnell erfaßt. War aus dem Hafen von Plymouth vorgeschossen mit seinen Kähnen bis unter die Leiber der Riesen und hatte sie durchlöchert. Wie unrecht, der Himmel selbst ergriff die falsche Partei, Stürme treiben noch jetzt, während wir sprechen, die spanischen Schiffe auseinander, manche bis ins Eismeer, dort zerschellen sie.
Ein Spanier lachte nicht, sonst hätte der Gesandte lachen müssen über die kindischen Angriffe der Stürme oder Englands gegen die Weltmacht. Er schwieg und verachtete. Der König unterbrach ihn darin nicht; sie standen voreinander in dem steinernen Saal, jeder seinen Hut auf dem Kopf. Dreist wurden zuerst ein paar Herren vom Hof. «Die Königin von England triumphiert!» sagte Crillon laut genug. Ein anderer setzte hinzu: «Elisabeth hat sich ihrem Volk gezeigt auf weißem Pferd.»
«Ein großes Volk», sagte Oberst Ornano fest.
«Ein glückliches Volk, ist gerettet, ist frei, und liebt seine strahlende Königin. Fünfundvierzig Jahre vermögen nichts gegen die Schönheit einer Königin, die gesiegt hat.»
Biron, der alte Feind Henris von Navarra, sagte an dieser Stelle: «Ein einiges Volk. Wir sollten einig sein.» Sogleich ging durch die Versammlung eine Bewegung, und weitergegeben wurde ein Name, zuerst noch heimlich.
Der König verließ den Saal, hinter ihm der Gesandte. Der König durchschritt die gewölbten Gänge: sein Auftreten war majestätisch, wie Valois es vermochte. Bei einem rückwärtigen Fenster blieb er stehen und zeigte hinunter in den Hof. Der Gesandte erkannte ungefähr dreihundert türkische Sträflinge, wie spanische Schiffe sie mitführten als Rudersklaven. Er fragte, woher sie wären. «Von einem gestrandeten Schiff der Armada», erwiderte der König. Der Gesandte verlangte ihre Auslieferung. Anstatt einer Antwort stellte der König sich unter das Fenster in ganzer Gestalt. Die Sklaven fielen auf die Knie und riefen hinauf: «Misericordia!» Der König betrachtete sie und wandte sich ab. «Darüber muß beraten werden.»
Herren seines Hofes erlaubten sich, auszusprechen: «Beraten ist schon. In Frankreich gibt es keine Sklaverei. Wer französischen Boden betritt, ist frei. Unser König wird seinem Verbündeten, dem Sultan, die Leute zurückgeben.»
Der König tat, als hörte er dies nicht, mit besonderer Auszeichnung geleitete er den Gesandten zur Treppe; dieser indessen mußte in all seinem Stolz noch mehreres hinunterschlucken. Vor und hinter ihm erwähnte man die Gefangenen aus vielen Nationen, die Spanien gezwungen hatte, auf seiner Flotte zu rudern: auch Franzosen waren dem allgemeinen Joch verfallen. «Soldaten und unsere Landsleute! Wir alle, was will denn Spanien aus uns machen? Dasselbe wie aus den Völkern der Erde: Sklaven.» Das erstemal, daß solche Worte vernehmlich wurden am Hof von Frankreich, war der Tag, an dem die Nachricht bekannt wurde vom Untergang der Armada.
Der Gesandte war schon fortgefahren, aber der König zog sich nicht zurück; er schien zu warten, niemand wußte worauf, viele glaubten ihn in seine frühere Leere versunken. Daher ließen sie sich noch freieren Lauf und wiederholten heftiger, daß alle in diesem Königreich einmütig ihre Freiheit verteidigen müßten nach dem Vorbild Englands. Dieses Land war dem furchtbarsten Schicksal entgangen: alle Folterwerkzeuge der Inquisition fuhren auf den spanischen Schiffen mit. Der katholische Hof von Frankreich hatte auch Protestanten, sowohl erklärte als versteckte, und wer weiß, welcher von ihnen sich einfallen ließ zu sagen: «Gedankenfreiheit, an ihr liegt alles: sie verbürgt unser Recht und unsere Einheit.» Anstatt ihn zum Schweigen zu bringen, gaben sie einander einen Namen weiter, denselben wie vorher, nur jetzt schon kühner; und Biron, nochmals Biron, richtete das Wort an den König.
«Sire! Der König von Navarra: er ist besser, als ich dachte. Ganz selten sieht ein Mensch sein Unrecht ein. Für meinen Teil erkenn ich es.»