Er geisterte in seinem violetten Rock, die Farbe der Trauer, er trug sie um seines Bruders und seiner Mutter willen. Aber er schien sie in Wahrheit zu tragen für Guise, den er selbst getötet hatte. Dem Toten war er nicht gewachsen. Erst seine Tat, seine einzige, hatte ihn recht entwaffnet. Einen anderen als den letzten hätte sie auf alle Fälle vorwärts gestoßen. ‹Jetzt das äußerste, jetzt Schrecken verbreiten, damit er nicht über mich kommt. Was Mut, was Überlegung, ich hab die Wahl nicht. Soldaten herzu, und bevor die erste Betäubung meiner Feinde vorbei ist, müssen sie niedergeschlagen sein. Herbei Navarra!›

Valois in seinem violetten Rock, bleich und schweigsam, dachte keinen Namen so häufig. Er geisterte durch sein Schloß in Blois, allein und verlassen, abgesetzt vom Thron durch die Kirche selbst, kein Treueid, der sein Volk noch band. Die Abgeordneten der Ständeversammlung reisten nach den Städten des Königreiches. Ihn hätte seine Hauptstadt nicht eingelassen, eher hätten sie ihn dort gefangen und getötet — dies aber, wie er sehr wohl wußte, infolge eines Zustandes der Menschen, der eigentlich Schwäche war. Wütende Schwäche. Valois verstand sich aus eigener Natur darauf, sie zu unterscheiden von gesunder Tatkraft. Die war in einem anderen Lager. ‹Navarra›, dachte er hinter dem verschlossenen Gesicht; rief nicht, wagte nicht zu rufen. Den Hugenotten, gegen seine katholische Hauptstadt, er selbst der Mann der Bartholomäusnacht! Navarra hätte ihn wohl in den Louvre zurückgeführt, dafür bekäme er Krieg mit der Weltmacht, die furchtbar blieb wie je.

Als die Armada untergegangen war, hatte nur ein Blitz den dunklen Himmel des letzten Valois zerrissen. Er wird nicht mehr Zeit haben, zu erkennen, daß die Weltmacht selbst tödlich getroffen ist. Das geht seinen Erben an. Der Erbe seiner Krone wird am Anfang seines Reiches ohne Land, ohne Geld, beinahe ohne Heer sein; aber er braucht nur zu siegen in einer einzigen unbedeutenden Schlacht über die Söldner und Knechte Spaniens: was geschieht? Ein Aufatmen rauscht durch alle Völker.

Für Valois bleibt es dunkel, jeder Laut erstickt. Um ihn niemand mehr, der Navarra ruft. Draußen niemand, der vor der Ankunft Navarras zittert: wie hätten sie sich sonst erdreistet, dem armen König die letzten Einkünfte zu streichen, und das nach seiner ungeheuren, einzigen Tat. Im Zimmer war es kalt, der König kroch ins Bett. Er hatte Schmerzen, lächerliche Schmerzen, von Hämorrhoiden; seine übrigen paar Edelleute lachten ihn aus, weil er weinte.

‹Navarra! Komm! Nein, komm nicht. Ich wein nicht wegen meines Hintern, sondern meine einzige Tat war zwecklos. Jetzt wärest du daran, zu zeigen, was du kannst. Wird auch nicht mehr sein. Doch. Ich weiß, du bist der Mann, dir will ich mich ergeben. Dich anerkenn ich als Erben der Krone, und hätt ich zehnmal abgeschworen. Das Königreich hat nur noch dich: ich habe bezahlt dafür, daß ich es weiß. Sieh mich, Navarra, in meinem Elend. So groß und tief war es nie, wie seit meinem vergeblichen Versuch, mich zu befreien. Nach meiner Tat rief ich: Der König von Paris ist tot, endlich bin ich König von Frankreich! Nenne mich nicht so, ich bin’s nicht. Ruf mich Lazare, wenn du anrückst, Navarra. Nein, komm nicht. Doch. Komm.›

Beide, durch den größten Teil des Königreiches getrennt, waren übel dran. Henri indessen überstand die Krise und war alsbald gesund — verlor sich auch niemals wieder an die mörderischen Vorstellungen, die seine schwere Krankheit angekündigt hatten. Mit Zurückhaltung sprach er von dem Ende der Herren von Guise: «Ich hatte gleich vorausgesehen, ein solches Unternehmen würden die Herren von Guise nicht wälzen können, noch damit zu Rande kommen ohne Fährnis ihres Lebens.» Das war sein Nachruf, und zu ihm stimmte sein Verhalten: es wurde noch umsichtiger, manchem erschien es zu bescheiden. Will er denn gar nicht mehr den großen Zug tun und Valois heraushauen unter seinen Feinden, die allerdings zwischen ihnen beiden liegen die ganze Strecke hindurch? Seine Freunde hatten ihn als den Halsbrecher gekannt, und das in kleinen Dingen. So gemessen, Sire, bei diesem großen?

Er erriet die Mißbilligung seiner alten Freunde. Die ältesten Hugenotten, vom Vater auf den Sohn gewohnt, für die Religion zu sterben: dieselben, die bei Coutras zum Gebet hingekniet waren, und grade deshalb fiel nachher Joyeuse, sie murrten jetzt, selbst wußten sie noch nicht genau, weshalb. Dem katholischen König zu Hilfe kommen, das wollten sie, obwohl sie es schwerlich geglaubt und zugestanden hätten. Henri hielt dafür, die Menschen müßten ganz reif werden, dann wär es auch die Gelegenheit. Bei Valois stand es nicht anders, wie ihm zugebracht wurde. Der traurige letzte hatte seine vorige Zuflucht verlassen und war aufgenommen von der Stadt Tours, die zwischen Getreidefeldern auf beiden Ufern der Loire liegt, der besonders maßvolle Mittelpunkt seines stürmischen Königreiches. Valois hoffte dort auszuharren, bis genug seiner Edelleute sich wieder auf ihn besonnen hätten. Sein überlebender Günstling, Epernon, sammelte ihm inzwischen Fußvolk. Es könnte gleichwohl so ausgehen, daß seine Feinde ihn noch vorher überraschen und fangen. Sicher wäre allein Navarra: wo bleibt er? ‹Ich, der katholische König› — denkt Valois, dem man mühselig eine Truppe anwirbt; ‹liefe mir nicht doch mein Heer auseinander, wenn ich den Hugenotten riefe?›

Henri dachte: ‹Er wird mich rufen, wenn seine Leute dessen gesonnen sind, und vorher wär’s zu früh. Mich drängt es zu dir aus tiefstem Innern, Valois.› Das hielt er geheim, ließ aber nur deswegen an diesem ersten Märztag zu sich seinen Mornay kommen. Es war in einer kleinen Stadt, die er nicht hatte erobern müssen, sondern aufgetan hatte sie sich ihm. Sie bewegten sich hin und her durch einen offenen Gang in der Frühlingssonne, und niemals hatte diese sie so neu und hoffnungsvoll beschienen.

Henri sagte: «Etwas hat sich verändert, jetzt rufen sie mich von allen Seiten. Die Städte streiten sich um mich, welche sich mir früher ausliefern darf. Sind die guten Leute verrückt geworden, oder macht es der Frühling?»

«Sire, es könnte auch sein, daß man will, Sie sollen Ihre Zeit verlieren.»