«Wofür brauche ich sie so eilig?» fragte Henri, und ihm schlug das Herz schneller: dies aber, weil er wohl wußte, welche Sache dringend zu tun war, und im letzten Augenblick scheute er. Sehr lange hat er gearbeitet, hat sich Schritt für Schritt und im Schweiße seines Angesichts herangearbeitet an das Ziel. Es ist in Sicht, er könnte zuspringen: da schwankt er, seine letzte Bewegung bleibt aus, er findet plötzlich nicht die Sicherheit aller früheren. Das Glück wird weniger selbstverständlich, als man gemeint hat, da es noch weit war und man tief verwickelt war in Mühen. Prinz von Geblüt, aber die Füße sind von Erde schwer. Soll ein anderer sprechen, entscheide doch Herr Du Plessis-Mornay, wozu wäre er tugendhaft und klug.
«Sire, Sie haben nicht mehr zwei Monate zu verlieren mit hübschen Einzelheiten. Jetzt retten Sie Frankreich, sonst geht es unter. Sie müssen mit allem, was Sie aufbringen an Kräften, nach der Loire vorrücken.»
«Dort steht der König», sagte Henri, sein Herz sprang hoch.
«Grade darum.»
«Ich soll ihn angreifen, Mornay?»
«Sire, Sie sind sein Freund, er wird der Ihre sein, nachdem zehn seiner Heere Sie nicht haben vernichten können.»
«Waren es zehn, Mornay? So viel Müh und Arbeit? Wahrhaftig, und jetzt hat Valois kein einziges mehr, die Liga wird ihn lebendig verschlingen. Sie sagen, Herr Du Plessis, daß ich ihm soll zu Hilfe kommen? Es könnte mir gefallen. Will’s doch überlegen.»
Die Folge des Gespräches war, daß er eine Stadt am Wege kaufen wollte, um mit etwas weniger Kampf durch das Königreich zu gelangen: er, der hundertmal sein Leben ausgesetzt hatte, als unmerklich Geringes dabei zu gewinnen war. Jetzt war das Königreich zu gewinnen. Indessen: Mauern berennen, Häuser einäschern und Leichen auf den Straßen lassen, der König, der er sein will, hat davon zu viel hinter sich, zu gern sähe er davon ab. Statt dessen kauft er die Städte, die sich nicht von selbst ergeben, wird später sogar die Provinzen kaufen, muß aber zuerst noch mehr Schlachten gewinnen und alt werden in der Rüstung, ob er will oder nicht. Sonst läßt sein Königreich sich nicht einmal für Geld vernünftig, wohlhabend und stark machen.
Solche traurigen Wahrheiten bewegte der lustige Henri Navarra in sich, wären sie ihm bewußt gewesen oder ahnte er sie nur. War wohl reichlich jung für sie, doch gründlich auf sie vorbereitet. Welch ein Glück, neben sich hatte er Mornay, einen heiligen Mann. Dies ist im vollen Ernst ein Mann, der gläubig bleibt in aller eigenen Klugheit und trotz der Bosheit vieler Begegnenden. Er glaubt an die Macht des Wortes, das von Gott ist. Wir müssen es nur erhalten, wie es zuerst aus ihm hervorging, klar und wahr: dann wird es unfehlbar sein. Daher verfaßte Mornay im Namen seines Fürsten einen Aufruf an alle im Königreich. Die Franzosen sollten einträchtig und einig sein.
Er fragte: Was ist wohl erreicht worden mit all den erbärmlichen Kriegen, den Gewalttaten, der Million Menschen, die um ihr Leben kamen, und mit so viel verschwendetem Gold, wie ein ganzes Bergwerk nicht hergibt? Er antwortete, ließ aber eigentlich seinen Leser antworten: Die Verarmung des Volkes ist erreicht worden. Daß der Staat todkrank im Fieber liegt. Unheil ohne Ende. Er fragte: Und wie wird es aussehen, wenn es so weitergeht? Er fragte zuerst den Adel und die Bürger, gab auch gleich die Antworten, die ihr eigener Vorteil ihnen vorschrieb. Dann erhob sich sein Ton, er sprach zum Volk, nannte es die Kornkammer des Königreiches, des Staates Fruchtfeld, seine Arbeit nährt die Fürsten, sein Schweiß stillt ihren Durst. Zu wem wirst du deine Zuflucht nehmen, Volk, wenn der Adel dich mit Füßen tritt?