Inzwischen beteten bei der Leiche zwei Mönche, ein Herr d’Etrangues hielt ihr das Kinn. Der neue König sollte noch viel zu tun bekommen mit diesem Herrn: so auch mit allen anderen, die plötzlich in das Zimmer drängten wie auf Verabredung. Sie setzten ihre Hüte fester auf, anstatt sie abzunehmen vor dem neuen König, oder warfen sie zu Boden und verschworen sich laut: Lieber tausend Tode sterben, lieber uns jedem Feind ergeben, als einen hugenottischen König erdulden! Das sollte nach Glauben und Gesinnung klingen, klang aber falsch, besonders da einige derselben Herren gleich nach der Mordtat dem Erben ihre Treue gelobt hatten. Damals waren sie in Sorge gewesen, was aus ihnen werden würde; sie hatten sich noch nicht verabredet, das Königreich zu verraten und mit der Liga zu gehen. Das schien ihnen nach gemeinsamer Überlegung das Sicherste. Philipp von Spanien besaß immer noch das meiste Gold der Erde.

Um nicht durchschaut zu werden, hätten sie einen anderen suchen müssen: Henri hielt sie keinen Augenblick für eifrig im Glauben. Er ließ sich sein Trauerkleid schneiden aus dem violetten Rock des Verstorbenen; er hatte Eile und kein Geld für Stoff. Der violette Rock war kleiner gemacht, dennoch erkannte man ihn, und sie stießen einander an, aus Verachtung für die Armut des Königs, bei dem nichts zu holen war. Ohne Zeit zu verlieren entsandten sie in die Wohnung des Königs eine Abordnung, er müßte sich bekehren und zwar gleich. Kennzeichen der Könige von Frankreich wären die Salbung aus der heiligen Ampulle und die Krönung durch die Hand der Kirche. Er wurde bleich vor Zorn. Sie durften sich einbilden: vor Furcht; denn in diesem Augenblick war er scheinbar in ihrer Hand, und sie konnten nicht wissen, daß er sich wohl geübt hatte, Mördern zu begegnen.

Mit einer Majestät, die sie nicht vorausgesehen hatten, widersetzte er sich ihrer Zumutung, er sollte sich der Seele und des Herzens entblößen am Eingang zum Königtum. Hierauf ging er ihren Verein mit den Blicken durch. Große Herren waren dabei: wen aber schickten sie vor und ließen ihn das Wort führen? D’O, nichts als O, und sah auch so aus, ein Junge mit Bauch, durch die Gunst des vorigen Königs zum Faulpelz und Dieb geworden: einer derer, die das Land und seine Einkünfte unter sich aufgeteilt hatten, wozu daher noch ein König. Dieser Ehrlose wagte einem Mann, der gekämpft hatte, die richtige Gesinnung anzuempfehlen und ihm mit der Volksgemeinschaft zu kommen, wie es die Gewohnheit der Ehrlosen ist. Henri faßte ihn ins Auge, was der Junge nicht ertrug, und sprach besonders deutlich: «Unter den Katholiken habe ich für mich alle wahren Volksgenossen und jeden Mann von Ehre.» Bei dieser offenen Beleidigung blieb es still, erstens, weil das feste Gesicht sie aussprach und auch wegen ihrer Wahrheit.

Leute wie diese aber werden noch besser überzeugt, wenn hinter der Tür die Waffen klirren. Sie wird aufgestoßen, ein Soldat, Givry, stampft herein, er ruft: «Sire! Sie sind der König, wenn man Schneid hat. Nur wer feig ist, drückt sich.» Worauf alle, die er meinte, sich drückten. Dann kam Biron, um Henri zu versichern, daß wenigstens die Schweizer ihm treu bleiben würden. Die Schweizer allein, es war nicht viel und hätte nicht gereicht. ‹Hier aber ist Biron, ein knochiger, harter Mann, kann, schon bei Jahren, auf seinen Daumen um den Tisch gehn, war mein Feind, ist groß genug, den Irrtum zu gestehn. Kommt zu mir, da es bei mir am schlimmsten aussieht.› — «Biron! An mein Herz. Mit Ihresgleichen muß ich siegen.»

Auf Erden und am Himmel

Die nächsten fünf Tage sah der neue König sein Heer zusammenschmelzen, wie vorher die Liga das ihre. Marschall Epernon, vor kurzem eine Stütze des Königreiches, stritt sich absichtlich mit Biron, damit er sagen konnte, ein Mann wie er werde nicht Krieg wie ein Strauchdieb führen unter einem solchen König. Sprach es und zog ab nach seinem Königreich, der Provence. Jeder hatte sein kleines Königreich, das er sich aus den Provinzen des großen herausgeschnitten hatte: dahin zog er ab, mit sich nahm er seine Edelleute und alle Truppen. Der neue König hatte kein Mittel, sie aufzuhalten. Sich bekehren? Dieselben Menschen hätten ihn um so sicherer verlassen. Erworben hätte er nur die Verachtung seiner eigenen Gefährten, Glaubensgenossen und seiner fremden Freunde. Kein Geld und keine Soldaten mehr aus England oder Deutschland.

Mit seinem Mornay verfaßte er während dieser verzweifelten Tage eine Erklärung, darin wurde jeder der beiden Religionen ihr bisheriger Bestand zugesichert. Sich selbst behielt er vor, überzutreten zu dem Bekenntnis, das nun einmal die Mehrheit seiner Landsleute teilte. Er sagte nicht ganz deutlich: wann; aber er wußte es. Wenn das Königreich mitsamt der ungefügigen Hauptstadt fest in seiner Hand wäre, nur dann und nur aus seinem freien Willen. Als unbestrittener Herr des Königreiches wollte er seinen alten Glaubensgenossen ihre volle Gewissensfreiheit geben, so war sein Vorsatz: ob er ihn faßte um ihretwillen oder aus Selbstachtung, damit er nicht selbst ins Gesicht schlüge allem, was er gewesen. Er ist der König, der das Edikt von Nantes erlassen und die Freiheit verteidigen wird mit seiner ganzen Macht. Dies beschließt er und sieht es voraus während der fünf Tage, in denen die meisten ihm fortlaufen, und ein anderer wäre ihnen nachgelaufen.

Die Hauptstadt inzwischen, die er immer noch belagerte, ließ sich dem äußersten Zustand ihrer gestörten Vernunft. Es ging so weit, daß die wenigen Nüchternen sich den abgegangenen Führer zurückwünschten. Seine Hinterlassenschaft übertraf alles, was er bei seinen Lebzeiten fertiggebracht hatte. Verglichen mit seiner Schwester Montpensier war Guise ein Weiser gewesen. Sie raste im Jubel, dem Boten mit der Nachricht vom Tode des «Tyrannen» sprang sie an den Hals. Ihr Schmerz war nur, daß der sterbende Valois vielleicht nicht mehr erfahren hatte, von wem der Braune geschickt war. Guise hat aus dem Grab seine Hand gestreckt und dich getroffen!

Die Herzogin ließ ihre Mutter, die Mutter der beiden ermordeten Guise, von einem Altar herab zum Volk sprechen, und diese brachte es wirklich außer sich mit ihrem Geschrei. Denn aus der Greisin schrie das ganze Haus Lothringen, seine Ruchlosigkeit, Grenzenlosigkeit und der versteckte Irrsinn, der es antrieb zu allen seinen Taten. Die Herzogin wollte unverweilt ihren Bruder Mayenne zum König ausrufen lassen, da bekam sie es aber mit dem Gesandten Spaniens zu tun. Sein Herr, Don Philipp, sah Frankreich endgültig für eine spanische Provinz an; seine Truppen besetzten Paris. Den Gebieter im Rücken, durfte die Liga sich ihren Ausschweifungen ergeben. Die Mutter des Jakob-wo-bist-Du wurde aus ihrem Dorf geholt und als heilige Jungfrau verehrt. Der braune Junge in Nachbildung wurde auf einem Altar, zusammen mit den beiden Guise, der öffentlichen Inbrunst dargeboten. Selten in ihrer Geschichte hatten Volk, ehrbare Leute und besonders die hochherzige Jugend solche Tage genossen, da ihnen ganz herrlich der Kopf durchgehen durfte. Nur gut, daß sie, bei allem Mißbrauch der Religion, keinen ernsten redlichen Glauben hatten: dann geht das alles nicht, weder Tollheit noch Rausch — so wenig als diese statthaft sind, wenn man nachdenkt.

Es waren dieselben Tage, als vor den verschlossenen Toren Henri, dem alle fortliefen, dennoch fest blieb in seinem Entschluß, die Vernunft zu retten und die Freiheit zu verteidigen. Zuerst soll das Königreich befreit werden von dem Griff des Weltbeherrschers. Henri wird weder bis in die Gascogne zurückweichen noch über die Grenze Deutschlands flüchten. Er kennt Stimmen, die ihm das eine oder andere raten; sie hören sich an wie die des gesunden Menschenverstandes, in einer Lage, die ohne Ausweg erscheint. Er allein weiß einen, der heißt: fest bleiben. Kühnheit erwirbt Vertrauen, Vertrauen gibt Kraft, diese ist die Mutter der Siege, mit ihnen sichern wir unser Reich und Leben.