Am achten August brach er sein Lager ab. Die Hülle des verstorbenen Königs geleitete er nur ein Stück Weges: die Umstände erlaubten noch nicht, sie feierlich beizusetzen. Hierauf teilte er sein Heer. Von fünfundvierzigtausend Soldaten waren übrig zehn- oder elftausend. Mit je drei- bis viertausend Mann schickte er den Marschall d’Aumont und seinen Protestanten La Noue an verschiedene Abschnitte der Ostgrenze, damit sie das Königreich deckten gegen einen neuen Einbruch spanischer Truppen. Er selbst mit seinen dreiundeinemhalben Tausend Arkebusieren, siebenhundert Reitern, beschloß, die ganze Macht des Feindes, soviel von ihr schon im Land stand, auf sich zu ziehen — dorthin, wo er bestimmte.
Er nahm aber den Weg nach Norden, dem Kanal entgegen, in der Hoffnung auf die Königin, die als erste den Weltbeherrscher getroffen hatte. Wäre nicht die Hilfe Elisabeths immer möglich gewesen, Henri hätte nicht damit rechnen dürfen, daß die Stadt Dieppe sich ihm ergäbe. Am sechsundzwanzigsten war er vor Dieppe, das ihm auch sogleich sein Tor aufmachte. Diese Schnelligkeit war ein Kind der Sorge. Hier zeigt sich, herverschlagen aus verdächtiger Ferne, der Hauptmann einer Räuberbande, was ist er denn mehr. Nennt sich König und hat kein Land; Feldherr und keine Soldaten. Sogar seine Frau ist ihm entlaufen. Indessen weiß niemand, wann die ordentliche Heeresmacht des prächtigen Mayenne zur Stelle sein wird und was noch geschehen kann. Von der See werden vielleicht englische Schiffe die arme Stadt beschießen, auf der Landseite setzen schon jetzt die Hugenotten ihr zu. Sie ergibt sich in ein Unheil, das hoffentlich das kleinere ist, und öffnet. Die großen Schlüssel in den Händen kniender Ratsherren, auch Salz und Brot, nebst dem Pokal, der zur Not vergiftet sein könnte: nichts fehlt. Der Räuberkönig hebt aber einen dicken alten Mann vom Pflaster auf, als wog er wie eine Feder, und zu allen spricht er: «Liebe Freunde, nur kein Getue! Mir langt’s, wenn wir nett sind. Gutes Brot, guter Wein und freundliche Gesichter!»
Den Becher trank er nicht, was sie übersahen in ihrer Verwunderung, ihn unbesorgt und leicht zu finden. Sie waren Normannen mit schwererem Blut als das seine. Ihre Stadt lag gefährlich, diese Bürger begegneten häufigen Verhängnissen mit hartem Mut. Aber auch noch gut gelaunt sein? Einem jungen Mädchen die Rose aus der Hand nehmen, scherzen und jedem etwas versprechen? Was hat er denn ernstlich zu verschenken? Sie zählen doch seine geringe Schar, die paar Ritter, das arme Fußvolk. Sie denken und fragen einander: «Nicht möglich, damit will er das Herzogtum Normandie erobern?» Es stand nun derart, daß er «damit» das Königreich ganz und gar erobern wollte. Das hörten die Leute nicht einmal, wenn er es laut verkündete: der Gegensatz war zu augenscheinlich für Köpfe ohne Phantasie.
Wie die Leute von Dieppe verhielt sich die große Mehrzahl im Königreich — insofern sie nichts voraussahen, nicht einmal die nächste Stunde Wirklichkeit, dessen ungeachtet alle für Menschen der Wirklichkeit gelten wollten. Sie bemerkten bis zuletzt nicht, daß ihr geistiges Gefüge ein wüster Traum war anstatt Wahrheit. Die Liga, so großmächtig sie umging, tat es doch nur wie ein Nachtgespenst, der Sonne gegenwärtig, um sich aufzulösen. Merkwürdig, das entging ihnen; vielmehr begegneten sie der aufgehenden Wahrheit, die ihr neuer König war, mit Sorgenfalten. Sicher ist, daß sie viel mehr Mißtrauen als Haß fühlten, nicht allein die von Dieppe, sondern alle Leute. Angst meldete sich wohl auch bei ihnen, eine heimlich wühlende Ahnung: diese könnte das Gewissen selbst sein. Wie? «Damit» will er das Herzogtum Normandie erobern? Nicht möglich. Als er dann gesiegt hat — nur eine einzige gewonnene Schlacht, und plötzlich wissen sie: er wird das Königreich haben. Wissen bis an das andere Ende des Königreiches, daß erschienen ist ein langerwarteter Tag.
«Was Dieppe!» rief Agrippa d’Aubigné und war nicht weit davon, ein Gedicht zu machen. «Wir sind keineswegs nur vor Dieppe, auf dieser nebligen Ebene zwischen Waldhügeln und dem Fluß Bethune, wo wir Verschanzungen aufwerfen, und ich habe die Schuhe ausgezogen bei der heißen Arbeit. Dies ist zwar unsere leibliche Gegenwart. Wir Erdenwürmer, nackt wühlen wir uns durch Lehm, werfen zwei Schanzen auf, eine hinter der anderen, damit wir standhalten, wenn von vorn über die Ebene der böse Feind heranfährt. Gedenken uns nach aller menschlichen Kunst zu decken und anzuklammern an diesen Erdenfleck. Im Rücken haben wir das Dorf Arques und über ihm die Burg. Noch weiter hinten soll die Stadt Dieppe uns bergen, wenn wir zurückgehen müßten, und sogar auf die englischen Schiffe hoffen wir.»
«Wo denkst du hin, Agrippa», sagte Rosny. «Wir gehen nicht zurück.»
Du Bartas warf ein: «Vielleicht werden wir es nicht mehr können, weil unsere Füße still auf diesem Felde liegen.»
«Meine Herren!» Es war Roquelaure, der sie ermahnte. Agrippa indessen blieb bei seinen Gedanken oder bei seinem Gedicht. «Unsere leibliche Gegenwart ist allerdings auf diesem Feld von Arques, links der Fluß, rechts buschige Hügel, grau vom Nebel, und darin eingesenkt der Weiler Martinglise.»
«Mit einer Schenke und gutem Wein. Ich habe Durst», verkündete Roquelaure.
«Weil unsere Füße still auf diesem Felde liegen», wiederholte Du Bartas für sich allein und zählte die Silben.