Die Königin Jeanne setzte sich, sie forderte auch den Prinzen und den Admiral dazu auf; noch immer suchte sie nach ihren ersten Worten. Coligny indes gab ihr ein Zeichen, teils ergeben und teils belehrend. Es hieß soviel, daß er den Anfang besser kannte. Da sie ihm zunickte, begann er wirklich.
Rat der Drei
Prinz», sagte Coligny, «es handelt sich in diesem Rat um die Zukunft der Religion, was aber dasselbe ist wie die Zukunft des Königreiches. Hier und jetzt soll eine große Entscheidung fallen, und zwar durch Sie. Der Ratschluß Gottes wird sich durch Ihre Stimme äußern. Hören Sie darauf wohl, was er Ihnen eingibt. Ich meinesteils bin bereit, mich zu neigen.» Jeanne wollte sprechen. Der Alte bedeutete ihr entschieden, wenn auch ehrfürchtig, daß er nicht fertig sei.
«Zwei mächtige Höfe bewerben sich um Sie, den Prinzen von Navarra, und viel, unabsehbar viel hängt für Zeit und Ewigkeit davon ab, welchen Sie wählen.» Die Pause, die Coligny hier machte, war nicht bestimmt, daß ein anderer etwas sagte; nein, sondern seinen beiden Zuhörern sollte der Atem vergehen. Jeanne war auch tief bestürzt. Henri sah wohl die angstvolle Veränderung ihres Gesichtes; davon füllten sich seine Augen sofort mit Tränen. Das Schluchzen entstand in der Mitte des Körpers, stieg schnell wie ein Gedanke bis in die Kehle, dort erstarb es, zurück blieben noch nachträglich die feuchten Augen.
Verschwimmenden Blickes, ein Bild der Rührung, dachte Henri indessen bei sich: ‹Alter Schwätzer! Kann er das nicht einfacher sagen? Ich weiß doch längst, daß ich entweder meine dicke Margot oder die alte Engländerin heiraten soll. Als ob mir Nassau nicht genug zugesetzt hätte! Aber was tue ich in England? Dagegen Margot — sie hat mir immer versprochen, ich würde ihre Beine kennenlernen.›
Coligny beugte sich über Jeanne, um zu raunen: «Lassen wir ihm Zeit! Er erwartet die Eingebung.» Jetzt wurde Henri der ganzen Spannung seiner lieben Mutter bewußt. Sein eigener Sinn erhob sich davon sofort. Mit einer Strenge, die ihn selbst heimlich in Erstaunen setzte, erklärte Henri:
«Ich will Frankreich dienen. Ich wähle die Religion und darum Frankreich.»
Als diese Worte gefallen waren, stand der Protestant Coligny von seinem Sitz auf. Er streckte die Arme hin, als empfange er den Herrn selbst. Henri aber umarmte ihn. Dann küßte er seiner lieben Mutter die Tränen vom Gesicht.
Der Rat blieb keineswegs so feierlich. Die drei kamen überein, daß alle Vorteile für sie in Paris lägen, anstatt in London. Henri fragte sogar, ob das englische Angebot auch nur ernst gemeint wäre. Vielleicht diente es eher dazu, die französische Heirat zu hintertreiben. Jeanne mußte viel Selbstgefühl überwinden, bevor sie diesen Gedanken zuließ. Die Klugheit und Verständigkeit ihres jungen Sohnes waren Trost für ihren Stolz. Henri meinte, daß er die glänzende Stellung eines Gemahls der Königin von England von Herzen gern seinem Vetter d’Anjou überließe. «Einer weniger!» setzte er unvermittelt hinzu; aber sie verstanden ihn durchaus. Jeanne bestätigte, daß man Madame Catherine nicht herausfordern dürfte, da sie ihren zweiten Sohn ja nun einmal nach England zu verheiraten gedächte. Hierauf wiederholte sie: «Einer weniger!» Sie sprach geradeaus in das Zimmer: «Vier waren es. Zwei werden nach Karl übrig sein. Karl ist aus einem allzu vornehmen Knaben ein dicker, gemeiner Mann geworden, obwohl er König heißt. Zuweilen aber blutet er.»
Bei diesem Wort reckten sowohl ihr junger als auch ihr alter Zuhörer den Kopf vor. Jeanne sah sie indessen nicht an: sie nickte wie eine Frau, die weiß, was sie sagt, wenn es sich um den Körper und seine Tätigkeit handelt. «Sie bluten», sagte Jeanne. «Ihr Blut fließt nicht, sondern breitet sich langsam auf der Haut aus. Alle vier Söhne des alten Königs haben das, und der erste ist schon daran gestorben.»