«Aber mein Herr!» erlaubte sich der Diener zu erwidern. «Niemand ist bisher aus dem Heu, und das Brot wird erst gebacken.»
Greifbare Tatsachen hatten die Gabe, Henri alsbald zu beruhigen. Er gab zu: «Wir brauchen ohnehin bis Paris noch fünf Tage. Ich will im Bach baden. D’Armagnac, bring mir ein frisches Hemd!»
«Grade heute wollte ich sie waschen. Hier, dachte ich, würden wir rasten.» Der Edelmann als Diener blinzelte seinem Herrn zu. «Besonders wegen der umgefallenen Leiter. Wir sollten sie wieder aufrichten und das Versäumte nachholen.»
«Schurke!» rief Henri ehrlich entrüstet. «Ich wälz mich gerad genug im Stroh.» Schroff befahl er: «Der ganze Troß soll gesattelt haben, wenn ich vom Baden komme.» Damit lief er und riß schon die Kleider ab. Sie brachen nachher auch auf; aber kaum eine Viertelstunde, da sprengte ihnen ein Bote entgegen, warf sich vom Pferd, schwankte so sehr, daß jemand ihm den Rücken stützte, und brachte röchelnd hervor: «Von Paris — vier Tage geritten anstatt fünf.» Sein Gesicht war weiß und rot gesprenkelt, er ließ die Zunge hängen, und ein noch sonderbareres Zeichen, aus seinen offenen und verstörten Augen fielen große Tropfen. Hörbar schlugen sie auf sein Koller, so still war es um den Boten geworden.
Henri streckte vom Pferd herunter die Hand aus, er nahm den hingehaltenen Brief, dachte aber nicht daran, ihn zu öffnen, vielmehr ließ er den Arm sinken, auch den Kopf neigte er und sprach in der großen Stille des weiten Landes und des darin verlorenen Häufleins Menschen, sprach leise: «Meine liebe Mutter ist tot. Vier Tage.» Das war nur für ihn selbst, wie die anderen wohl fühlten. Sie wollten es nicht gehört haben, bis er es ihnen laut sagte: dieses Zartsinnes erinnerten sich auch die Rohen. Als der neue König von Navarra die Botschaft dann gelesen hatte, nahm er den Hut ab; sofort taten es alle; und er sagte ihnen: «Die Königin, meine Mutter, ist gestorben.»
Einige sahen einander an, mehr wagten sie noch nicht. Das Ereignis erschien ihnen nicht wie andere, die man hinnimmt; es veränderte Unabsehbares und machte aus ihnen selbst, sie wußten noch nicht, was. Jeanne d’Albret war zu viel gewesen, als daß sie hätte sterben dürfen. Sie hatte sie geführt und erhalten, sie hatte ihnen zu dem Brot verholfen, das auf den Ackern wächst, und zum Brot des ewigen Lebens. Unsere Freiheiten, Jeanne d’Albret hat sie für uns durchgesetzt! Unsere festen Plätze, La Rochelle am Meer, sie hat es uns errungen! Unsere Bethäuser am Rande der Städte, sie hat sie ertrotzt! Der Friede unserer Provinzen, unsere Frauen im Schutze Gottes das Feld bestellend, während wir reiten und uns schlagen für die Religion: das alles war Jeanne d’Albret, und was wird daraus jetzt!
Hier gingen ihre Gedanken in Entsetzen über, verwandelten sich in Empörung und griffen stürmisch nach dem Verdacht einer Schuld und eines Verbrechens. Denn ein so großes Unglück kann nicht von selbst eintreten. Diese Tote war den Mächtigen im Wege gewesen, kein Zweifel, wem. Der verlorene Haufe verstand sich wortlos, nur durch Gedanken und Gefühl. Die ungefügen Laute, die er ausstieß wie ein Träumender, wurden erst langsam stärker, sie mußten anschwellen zum Grollen und Drohen; da fuhr endlich das bewußte Wort aus der Scheide, als ob jemand es gemeldet hätte, ein zweiter Bote, unsichtbar dieser: «Die Königin ist vergiftet!»
Alle durcheinander wiederholten es, jeder einzeln sprach es dem unsichtbaren Boten nach: «Vergiftet! Die Königin ist vergiftet!» Der Sohn der Toten tat mit, wie sie; ihm war es gemeldet, wie allen.
Plötzlich geschah etwas Neues: sie reichten einander die Hände. Das war, ohne Verabredung, ein Schwur, Jeanne d’Albret zu rächen. Ihr Sohn ergriff die Hand seiner Freunde, Du Bartas, Mornay und d’Aubigné. Mit Agrippa verständigte er sich durch einen besonderen Druck der Finger, der hieß: gestern die umgestürzte Leiter, das Gewühl unter den Weibern, heute aber dies. Was gäbe es zwischen uns zu verübeln, zu bereuen. Das ist das Leben, und wir verbringen es Hand in Hand! Auch seinen Diener d’Armagnac, den er vorhin hart angefahren hatte, faßte Henri bei der Hand. Indes erhob sich eine Stimme:
«O Gott, so zeige Dich doch nur!»