So erreichte er einen Ort, wo es schon zu spät war, umzukehren, denn hier erwarteten ihn die ersten, die den Bräutigam der Prinzessin von Valois feierlich einholen sollten; darunter sein Onkel, der Kardinal von Bourbon. Von diesem Augenblick an war der ganze Haufe widerspenstiger Hugenotten der Gefangene eines Kardinals, der ritt im roten Mantel neben ihrem König. Tags darauf, den neunten Juli, erreichten sie die Vorstadt Saint-Jacques: dort brachen sie in Jubel aus, obwohl ein erbitterter Jubel, denn an der Spitze der protestantischen Herren, die ihren Henri erwarteten, hielt der einzige selbst, Coligny, Held ihrer Kriege. Sein altes Gesicht war aus ihren Glaubenskämpfen allein übrig nach dem Fortgang der Königin Jeanne. Durch diese beiden, Jeanne und den Herrn Admiral, waren sie keine verfolgten Bekenner mehr, sondern standen als Macht da, sollten einziehen! Auf einmal begeisterten sie sich wild, schwenkten die Hüte, auf ihren braunen Gesichtern zitterten die Kinnbärte, und sie riefen ihre hohen Lieblinge an, die sich umarmten. Sie lärmten: «Herr Admiral!» und tobten: «Unser Henri!» Noust Henric war ihr Laut, das ländliche Latein, das niemand hier kannte.

Merkwürdig war, daß sie trotz ihrer geräuschvollen Ankunft in den Straßen völlig allein blieben. Bevor es seiner Truppe auffiel, sah Henri selbst die abgeräumten Auslagen und geschlossenen Läden. Er hatte sich einige Hoffnung gemacht, am Tor der Stadt würden die Schöffen ihn empfangen, mehr oder weniger barhäuptig, und wenn nicht alle, dann ein paar. Nein, nichts von Ratsherren, und auch sonst keine Bürger. Eine Katze lief vor den Hufen der Pferde schnell noch über die Straße. Ein Unbehagen griff um sich in dem reitenden Haufen, und er wurde stiller.

Die Straßen waren eng, die meisten Häuser schmal. Sie hatten Giebel, hölzerne Balken stützten den Stein, häufig führten Treppen außen hinauf. Das Holz war farbig gestrichen, jedes Haus hatte seinen Heiligen, und nur dieser blickte vom Balken der Tore den Hugenotten nach. Mehrmals hörten sie «Briganten!» rufen und glaubten nahezu, der Heilige wäre es gewesen.

Einige Kirchen und Paläste traten hervor in neuartiger Pracht, ein Glanz, der nicht mehr Stein, sondern Zauber und Gedicht war: herbeigehoben aus anderen Welten. Mehreren der Reiter ging das Herz weit auf, und sie grüßten in ihren beglückten Herzen die heidnischen Götter an Dächern und Portalen, ja sogar die Märtyrergestalten dieser Tempel, denn solche Heiligen glichen nackten Griechinnen. Den meisten der rauhen Glaubenskämpfer blieb aber ihr Sinn fest verschlossen. Sie hätten nur den Wunsch gehabt, die Götzenbilder umzustürzen, das Blendwerk auszutilgen. Denn es vermaß sich, zu verdunkeln den Herrn.

Der junge König von Navarra, zwischen Kardinal und Admiral, achtete sorgfältig auf Paris, eine fremde Stadt, er hatte sie noch niemals recht angeblickt, als Kind war er gefangengehalten in einer Klosterschule. Ihm entgingen die feindlichen Rufe nicht, er ertappte auch die Leute, die in ihren undurchsichtigen Fenstern eine Klappe zu öffnen versuchten. Neugierige Mägde oder Dirnen, das war alles, was er auf diesem ersten Wege zu sehen bekam, und auch das nur im Ungewissen Schatten. Zu zweien beugten sie sich aus ihren Verstecken vor, ein paar helle Augen blitzten auf, es flirrten rötliche Haare, und weißlich verschwammen die Flächen entblößter Haut. Sie schienen das Geheimnis dieser feindlichen Stadt selbst zu sein, und Henri lehnte sich hinüber nach ihnen, wie sie nach ihm. Weiß und rosenrot, komm hervor, komm hervor, du Fleisch und Blut, Glück versprechend, wärmer als die heidnischen Göttinnen, und getaucht in Farben leicht und dreist, die blühn nur hier! Die Reiter lenken unerwartet um die Ecke, da steht eine in voller Wirklichkeit und Sonne, ist überrascht, will fliehen, aber trifft in die Augen des Königs der Briganten — und bleibt da, auf ihren Fußspitzen, reglos, im Flug erstarrt. Sieht schlank aus und biegsam wie ein der Erde entsprossenes Reis, rückwärts gebogen sind die lang ausgestreckten Finger, der Hals ist hoch und schwank. Das sieht auch aus anmutig gespannt wie eine Frau, die sich fürchtet und sehnt, sogleich umarmt zu werden. Als Henri ihren Augen begegnet war, hatten sie spöttisch gelacht. Als er sie endlich loslassen mußte, waren es Augen der Hingabe, getrübt und blicklos. Auch er mußte sich erst wieder erinnern. ‹Die habe ich!› dachte er. ‹Die andern auch! Paris, ich hab dich!›

Damals war er achtzehn. Mit vierzig, schon ergrautem Bart, weise und schlau, sollte er es endlich erkämpft haben.

Die Schwester

In diesem Augenblick sagte sein Vetter Condé: «Wir sind angelangt.» Die Wache des fürstlichen Hauses umringte auch schon die Pferde und führte sie über den Vorhof. Henri mit seinem Vetter erstieg die breite Treppe, aber Condé ließ ihn vorausgehen, oder Henri lief ihm weg, denn droben wartete eine Gestalt. Du! Nur du! schlug sein Herz im Sturm, da konnte er nicht sprechen. Sie lagen einander in der Armen, und er küßte zweimal die Wangen seiner Schwester, die waren naß von Tränen wie seine eigenen. Die Geschwister schwiegen von ihrer lieben Mutter. Sooft einer das Gesicht des anderen ganz wiedergefunden hatte, küßte er dies Gesicht von ehemals und je. Sie blieben stumm, und von allen umliegenden Türen sahen bewaffnete Diener ihnen zu.

Aus einem der Zimmer trat die alte Prinzessin Condé, umarmte Henri und sprach ein Gebet. Hierauf bemerkte sie, er wäre bestaubt und müde, und ließ Wein bringen. Er wollte sich nicht aufhalten, er hatte es eilig, in den Louvre zu kommen und vor die Königin zu treten — erfuhr aber von seinem Vetter, daß der Kardinal, sein Onkel, und die anderen Herren, die ihn in der Vorstadt empfangen hatten, nicht mehr warteten. Sie hatten sich zerstreut mit ihrem Gefolge. Vorher hatten sie darauf bestanden, daß der starke Haufe der Hugenotten sich auflösen sollte. Fünfzig bewaffnete Edelleute waren dem König von Navarra erlaubt worden, statt dessen kam er mit achthundert. Condé sagte:

«Das war genug, um Paris zu besetzen. Sie haben aus Furcht ihre Häuser geschlossen. Einen Augenblick hat der Hof vor dir gezittert. Woran hast du gedacht?»