«Du bleibst ein Narr», sagte Karl so, daß niemand außer Henri es hörte. Dann ging er zu der feierlichen Vorstellung seiner Brüder über, als hätte Henri nicht mit dem einen die Schulbank gedrückt und später ihm im Felde gegenübergestanden. Mit beiden aber hatte er dumme Streiche verübt. In der Front des Louvre klirrte währenddessen ein Fenster, das geschlossen wurde, weil der Zweck der Veranstaltung erfüllt und der Streich gespielt war. ‹Der junge Mann vom Lande mußte jetzt den Eindruck einer etwas eigentümlichen, sonst aber nicht üblen Familie gewonnen haben›: so dachte eine alte Frau, die auf ihre Art auch Humor hatte.
In dem Orchester traten jetzt alle anderen Instrumente zurück hinter den Harfen, es war das Zeichen für die Damen. Damit sie es nicht überhörten, winkte der Erste Edelmann de Miossens ihnen noch besonders. Sie setzten sich auch richtig in Bewegung, voraus die beiden Prinzessinnen mit hochgehaltenen Rosenfingern, die einander kaum berührten, und auch ihre Füße schwebten scheinbar nur. Vor den beiden Königen angelangt mit ihrem blütenhaften Gefolge junger Fräulein, sanken die kostbaren Prinzessinnen langsam in die Knie — oder doch fast in die Knie, denn alles wurde nur angedeutet, auch der Handkuß für den König von Frankreich, dessen edle Haltung hier ganz unnachahmlich schien. Er tat, als höbe er seine Schwester zu sich empor, und dann führte er sie ihrem Herrn, dem König von Navarra, zu. Keineswegs sagte er diesmal: Da hast du meine dicke Margot.
Karl selbst nahm an seine Seite die junge Catherine von Bourbon. Mit ihr eröffnete er den Zug, der im Takt gravitätischer Tanzmusik um den Garten zum Vogelhaus schritt. Hier war zu sehn das fremdartige Gefieder «von den Inseln»; die Sonne brachte es zum Schillern und Glänzen, nicht anders als die Prinzessinnen selbst. Überaus seltsam war die Voliere und mußte den Gästen gezeigt werden. Wirklich machte sie großen Eindruck. «Té!» rief ein Hugenott. «Den sprechenden Vogel möchte ich mitnehmen, aber nur, wenn er auch die Messe lesen kann.» Darüber lachten seine Gefährten schallend. Die anderen lachten nicht.
Diese Vögel «von den Inseln» hatten nicht nur die Gabe der Rede: verschiedene, besonders die kleinsten, buntesten, konnten so hart zwitschern, daß man nichts hörte außer ihnen, auch den munteren Volkslärm nicht. Die Mauer war allmählich doch von dem Flußvolk erstürmt worden, viele hockten oben und freuten sich laut an dem Schauspiel der Großen. Die Herren, Damen und Vögel aber befanden sich unweit der Mauer, daher wurde die Wache heftiger in ihrer Abwehr. Ein Junge, dem anzusehen war, daß er in den Garten springen wollte, wurde zurückgestoßen, diesmal nicht mit der Stange der Hellebarde, sondern mit ihrer scharfen Spitze. Unter schwachen Schmerzenslauten fiel er hintenüber und verschwand: das sahn und hörten wenige. Henri und Margot hatten es bemerkt.
«Das erste Blut!» sagte Henri zu Margot.
Sie war weißer geworden als ihre Schminke.
«Ein gutes Vorzeichen!» hauchte sie verstört.
Laut rief Henri: «All das Federvieh erinnert mich an gebratene Hühner und daran, daß manche von uns lange nichts gegessen haben!»
Dies fand den Beifall seines hungrigen Gefolges. Die Höflinge ihrerseits warteten ergeben, bis es ihrem König einfiel, aufzubrechen.
Dies geschah dermaßen, daß die Gesellschaft sich gleich unten trennte. Die Könige, die Prinzessinnen, Prinzen, darunter Condé, und das Ehrenfräulein Charlotte de Sauves benutzten eine kleine Treppe, die berühmte kleine Treppe der geheimen Besucher, der Gnaden und Verhaftungen. Das Gefolge stieg über die große allgemeine.