Nun erstreckte sich oberhalb dieses Königs, seines feenhaften Palastes und in Glanz geworfenen Gefolges ein hoher, heller und leichter Himmel. Alle Töne wurden weithin getragen, besonders über das Wasser des Seineflusses, das von der Mauer des vornehmen Gartens nur getrennt war durch ein rauhes und vernachlässigtes Stück Ufer. Schon war dieses erklommen von einigem Fußvolk, die Kräftigsten versuchten auch die Mauer zu stürmen. Die Wache stieß sie ohne weiteres hinunter mit den Stangen ihrer Hellebarden; deswegen freuten sich doch alle, die etwas erhaschen konnten von dem Schauspiel der Großen, und sogar wer gar nichts sah, machte munteren Volkslärm.

Ein Fenster aber droben in der Gartenfront des Louvre klirrte leise, niemand hörte es, und durch den entstandenen Spalt schob sich, aus Falten hervor, ein bleifarbenes altes Gesicht. Das beobachtete mit Augen wie Kohle, was, von ihm selbst ausgedacht und eingegeben, dort unten vor sich ging: die feierliche Begrüßung des katholischen mit dem Hugenottenkönig, die Heranziehung der beiden königlichen Brüder, das Aufgebot so vieler stattlicher Edelmänner. ‹Das muß dem kleinen Bearner und seinen schlecht angezogenen Leuten den Eindruck machen, als wären sie selbst weiß was und muß sie sehr im Vertrauen bestärken!› Dies dachte das bleifarbene Gesicht und verzog die schweren Wangen.

Von ihrem Platz konnte nur Margot es sehen, und ohne daß sie den genauen Grund gekannt hätte, wurde ihr schwach. ‹Was tue ich! Das grade wollt ich nicht, und es wird auch nicht gut gehen. Mir ahnt Furchtbares, wenn ich es noch weiter kommen lasse. Jetzt grade müßte ich den Guise wiedernehmen, obwohl ich mit ihm fertig bin seit heute — damit es trotz allem nicht wirklich Hochzeit gibt mit meinem Henri, den ich doch liebe wie mein Leben!›

Ganz allein blieb Margot mit ihren Ahnungen, ihrem Gewissen. Alle, sogar ihr geliebter Henri, waren vollauf beschäftigt mit dem äußeren Vorgang. Übrigens nahm dieser alsbald auch Margot wieder in Anspruch und erwies sich, wie gewöhnlich der äußere Vorgang, stärker als ihre innere Stimme. Ihr Henri hatte seinerseits die Augen überall. Ausgenommen das Gesicht am Fenster, entging ihm nichts, weder die wahrhaft königliche Anordnung noch die Gesichter, und nicht einmal das Volk, wie es sich auf seine Art beteiligte an dem Ballett. So nannte er für sich die große Zeremonie, denn zwar fehlte es ihm an unbestimmter Ahnung: er behielt dafür seinen kritischen Witz, den schüchterte kein äußerer Vorgang ein. Daher sah er sich gegenüber lauter Gesichtern, die er als bestellt — bestellt, geliefert und bezahlt — erkannte.

Inzwischen ahmte er die einzelnen Bewegungen des Valois nach, setzte gleichfalls den Fuß an, ließ ihn ebenso in der Schwebe, nahm ihn zurück, damit der Weg länger und ausdrucksvoller wurde. Er hatte neben, vielmehr halb hinter sich seinen Vetter Condé: das war alles, was er vom Blut seines Hauses zur Hand hatte. Sooft drüben der König von Frankreich und seine Brüder eine geöffnete Hand einladend hinstreckten oder sie auf die Brust drückten oder den Hut aufhoben, beeiferten sich auch Henri und sein Vetter — beide übrigens im gebotenen Glanz der Kleidung, womit sie auf ihrer Seite fast die einzigen waren. Die beiden Gruppen rückten vor, zur Musik und einer Art geistlichen Tanzes, durchaus im Sinne der Erwähltheit und Heiligkeit des Königtums. Rückten einander näher und blieben dabei allerdings nicht mehr die gelungene Gesamtheit, sondern Einzelheiten fielen auf, und diese enttäuschten natürlich nach jedem gelungenen Ganzen. Besonders wurden immer fragwürdiger die Gesichter, die bestellten Gesichter.

‹De Nançay ist beileibe mein Freund nicht. Hüten wir uns! Er ist Hauptmann der Leibwache. Ich sehe voraus, daß ich sein Gesicht noch einmal kennenlernen könnte, wenn es nicht mehr auf Bestellung ehrfürchtig lächelt. Die Hauptsache bleibt, ihnen soviel Ehrfurcht beizubringen, daß sie kein Ballett mehr dazu brauchen. Das sind alles Gesichter, die uns nichts vergessen haben und wir ihnen nichts. Gehört das andere Lächeln nicht einem gewissen de Maurevert?›

«Vetter, heißt der da de Maurevert?»

‹Auch das wird noch Lächeln genannt; aber gewiß ist, daß er lieber töten möchte als tanzen! Den de Maurevert merke ich mir.›

Indessen können sogar die glaubwürdigsten Erkenntnisse ausgewischt werden und vorläufig in Vergessenheit geraten, wenn gerade zufällig ein persönliches Unbehagen dazwischenkommt, zum Beispiel das Gefühl der eigenen Lächerlichkeit. Dies aber trat ein, als Henri endlich aus geringem Abstand den Spott bemerkte auf Gesichtern, die sich dort hinten wohl geschützt meinten. Henri wußte sofort, was den Höflingen ihre Überlegenheit verschaffte: die Armseligkeit seines Gefolges. Diese Enthüllung hatte er heimlich die ganze Zeit befürchtet und deshalb um sich her die Bestgekleideten der Seinen versammelt. Es waren nicht viele, und nahe vor die andere Partei gelangt, konnten sie nicht länger verdecken, was dahinter kam: der Zug der abgetragenen Koller und bestaubten Schuhe. Die waren da, nicht anders, als sie nach langem Warten vor dem Tor der Zugangsbrücke endlich hatten eindringen dürfen in den verhaßten Louvre — natürlich nur der kleinste Teil von ihnen. Die machten keine bestellten Gesichter: ihre Gesichter waren verwittert zum Unterschied von den glatten, und gegenüber den höflichen blieben sie hart und fromm. Drüben eitel Glanz und Förmlichkeit, hier die unverstellte Armut, die gekommen ist, zu fordern. Diese führen Krieg, damit sie leben, manche aber um des höheren Lebens willen, sie nennen es einmal: die Religion, und einmal: Freiheit.

Henri fühlte sich lustig werden, zum erstenmal, seit er hier war. Er hätte laut aufgelacht, mit besserem Recht wahrscheinlich, als die Höflinge grinsten. Statt dessen warf er sich vor Karl dem Neunten zuerst an die Brust, dann neigte er den Rumpf bis auf die Füße und streifte mit der rechten Hand im Halbkreis über den Boden. Er wiederholte diese Übung zu beiden Seiten des Königs von Frankreich und würde sie sogar in seinem Rücken ausgeführt haben, indessen zog Karl den Spaßvogel in seine Arme und gab ihm den Bruderkuß auf beide Wangen, wobei er ihm heimlich die Faust in die Rippen stieß. Einer wußte so gut wie der andere, was gemeint war: dieselbe Parodie der Ehrfurcht, die einst der Siebenjährige aufgeführt hatte mit dem Zwölfjährigen.