«Sie werden mich nicht zwingen, Sire, einen Hugenotten zum Mann zu nehmen. Mit Ihren Intrigen war ich niemals einverstanden. Man wußte sehr wohl, welches meine Religion war, und dieselbe will ich behalten.»
Karl der Neunte war anfangs erstaunt über soviel Hartnäckigkeit bei seiner guten Schwester. «Intrigen» wagte sie die Pläne ihrer Mutter, Madame Catherine, zu nennen! Dann änderte er seine Haltung; übrigens hatte er inzwischen Henri bemerkt. Laut sagte er: «Deshalb fürchte nichts, meine dicke Margot! Katholisch wirst du bleiben bei deinem Hugenotten.» Leise setzte er etwas hinzu, das wahrscheinlich eine Drohung war, vielleicht der Name ihrer Mutter, denn der Blick der Prinzessin wich kurz und scheu ab, nach dem Fenster dort oben. Infolgedessen sah der Bruder ihren Widerstand als beendet an, nahm sie bei der Hand und führte sie gemessenen Schrittes dem ihr bestimmten Herrn und Meister zu.
«Da hast du meine dicke Margot», sagte Karl der Neunte zu Henri von Navarra.
Verlegenheit ließ er nicht erst aufkommen. «Navarra, wir haben uns nicht begrüßt, denn ich war mit den Hunden beschäftigt. Wir wollen es in angemessener Form nachholen.»
Sofort entfernte er sich zwanzig Schritte weit, klatschte in die Hände — und er mußte wohl seine Befehle vorher erteilt haben, auf gründliche Weise sogar: die beiden in ihrem Labyrinth hatten ihm die Zeit gelassen, deren er bedurfte. Eine andere hätte zwar alles von noch längerer Hand vorbereiten können.
Von zwei Seiten der schönen Gartenfront des Schlosses Louvre bewegten sich zwei Züge festlicher Herren, der eine in der Richtung des Königs von Frankreich, der andere bis hinter den König von Navarra. Das Haus entlang nahmen Soldaten ihre Stellungen ein, Schweizer Wache links und rechts französische Garde. Gemeinsam schlugen diese einen Trommelwirbel, bis alle Herren auf ihren Plätzen waren. Gleich nachher erscholl aus dem vordersten Saal die feierlich lieblichste Musik von Violinen und Flöten.
Die mittlere Tür hatte sich inzwischen geöffnet. Hervor schritten die Damen, viele schöne Fräulein, aber alle geleiteten nur, ganz wie die Perlen die großen Diamanten umgeben, die beiden kostbaren Prinzessinnen, die, ihrer Kostbarkeit bewußt, einander an zwei hochgehaltenen Rosenfingern führten und die Füße setzten, als könnten sie abbrechen. Das waren Marguerite von Valois und Catherine von Bourbon, und so einstudiert sie gingen, blieben ihre Bewegungen schnell und launisch. Im Takt der Musik gelangten sie zwischen den beiden Zügen der Herren hindurch. Die Sonne brachte die Prinzessinnen von oben bis unten zum Schillern und Glänzen, ihren Goldstoff, ihre bestirnten Frisuren, die feine und auserlesene Haut, als sie anhielten und sich umwendeten nach dem Haupt- und Staatsvorgang, der alsbald beginnen sollte. Hierbei waren sie selbst nichts weiter als Nebenpersonen und schmückendes Beiwerk, wie ihnen in ihrem spöttischen Sinn wohl bekannt war. Sowohl die anspruchsvolle Valois wie die kindliche Bourbon fühlten sich belustigt und teilten es durch einen leichten Druck ihrer Finger einander mit.
Auch begegneten die Geschwister Henri und Catherine sich mit den Blicken. Was sie sagten, hieß ungefähr: ‹Unser kleines Schloß in Pau, der Gemüsegarten und drüben das wilde Gebirg! Kann man so viele Umstände machen, wie diese hier! Aufgepaßt, es will gelernt sein. Woher hast du eigentlich dein schönes Kleid? Und du? Von wem denn sonst, als von unserer lieben Mutter!›
Dies stumme Gespräch hatte eben nur die Dauer eines Augenblicks. Karl der Neunte machte schon den Anfang mit seiner großen Zeremonie. Henri hörte hinter sich sagen, entweder von d’Aubigné oder von Condé, La Rochefoucauld, wenn es nicht der junge de Léran war: «Sire!» raunte einer. «Ahmen Sie dem König von Frankreich alles genau nach!»
«Das ist wirklich das erstemal», erwiderte er, indes er aber feststellte, daß Karl diese Sache von Grund auf innehatte. Karl tat in seiner weißen Seide, seinem Federbarett, den kurzen Pluderhosen und langen Strümpfen — einen einzigen Schritt nur tat er; es war das Zeichen für seine beiden Brüder d’Anjou und d’Alençon, sich ihm dicht hinter den Schultern zu halten; aber darin lag alles: Ich und mein Haus — soviel Stolz und Hoheit, daß der früh vergemeinerte Valois auf einmal wieder von überzüchteter Feinheit schien wie als Jüngling. Zugleich wurde die Musik verstärkt durch Holzbläser. Lieblich war ihr Schall gewesen, majestätisch wurde er — bis zu einem neuen Trommelwirbel.