«Vetter Henri», sagte er schnell, «Sie haben an Ihrer Seite etwas Schöneres, als Sie dort drüben sehen können.»
Das war die Wahrheit selbst, denn neben Henri saß Margot, und wäre auch nicht ihr reizender Anblick gewesen, sie bezauberte ihn mit einer dunklen, gleichmäßigen Stimme, die gelehrte, dabei aber anzügliche Dinge sprach. Sie und Henri waren einander gewachsen im einen wie im anderen, und was der Form nach klassisch hingeredet wurde zwischen ihnen, eine Dame, stolz und gepflegt wie diese, hätte es ohne Selbstüberwindung kaum über ihre Rosenlippen bringen sollen: doch ging es ganz glatt. Es geschah sogar vernehmlich genug, daß manchmal ein Tischgenosse mitreden und den Sinn unterstreichen konnte. Viel Dreistigkeit und Anmut zeigte Madame Charlotte de Sauves, kecke Nase, witzige Augen unter gewölbten, schmalen Brauen, die Stirn zu hoch, die Glieder zerbrechlich: aber das letzte war nur Schein. Ihr Wesen verhieß, daß sie sehr viel aushielt in der Liebe, und hierüber hatten sie und Henri sich auch schon verständigt mit und ohne Worte.
Oh! Er liebte Marguerite von Valois. Beim Klang ihrer Stimme, die dunkel und, solange sie wollte, ein wenig langsam war, stieg aus der Mitte seines Körpers die Bewegung auf, ergriff die Brust, den Hals und näßte die Augen. Er sah den Gegenstand seines Gefühls oft nur durch einen Schleier, wie das Glück, das bis jetzt noch im Zustand der Verheißung ist. Mehrmals war er nahe daran, von seinem Sitz herunter und vor sie hin auf die Knie zu gleiten: es wäre eine große Erleichterung seines Gefühls gewesen. Ihn hinderte dennoch die Menschenscheu. Denn Karl der Neunte war betrunken und verfiel darauf, «den seiner dikken Margot» aufzuziehen, während seine Brüder d’Anjou und d’Alençon infolge des langen Tafelns miteinander in Streit gerieten. Henri fing an, dem König von Frankreich lebhafte Antworten zu geben. Sein Vetter Condé stieß ihn im Rücken an und warnte ihn. Übrigens artete jetzt die Meinungsverschiedenheit der beiden königlichen Prinzen in Tätlichkeiten aus: sie mußten getrennt werden.
D’Anjou blutete im Gesicht, er zog sich zurück auf die andere Seite des Tisches und sagte zum Vetter Navarra: «Du wenigstens warst ein ehrlicher Gegner in unseren Schlachten, und ich habe dich meistens besiegt.»
«Das kam nur von deinen Briefen, d’Anjou. Sie hatten eine Sprache, gestelzt, wie von einem Spanier. Ich bin vor deinem Stil ausgerissen. Vielmehr, Fieber bekam ich davon und konnte nicht kämpfen. Wenn du mich aber wirklich besiegt hättest, dann säße ich nicht hier neben deiner Schwester.»
Darauf wurde der andere gedämpfter und sogar ängstlich, obwohl noch immer der Wein aus ihm redete. «Navarra, sieh, meine Wangen bluten. Aber das ist nichts. Mein Bruder d’Alençon haßt mich nur wie jemand, der erst viel später darankommt. Schrecklicher ist es, wie mein königlicher Bruder mich, seinen nächsten Nachfolger, haßt. Unsere Mutter möchte mich auf dem Thron sehen, und Karl weiß, daß es gefährlich ist, ihr im Wege zu stehn. Die Furcht macht ihn rasend. Trink mit mir, Navarra! Wir haben ehrlich gegeneinander das Schwert geführt; dir vertraue ich Familiengeheimnisse an. Als ich gestern zu meinem königlichen Bruder ins Zimmer trete, rennt er darin umher wie ein wildes Tier und in der Hand den blanken Dolch. Er sieht mich schräg an, du weißt wie. Um mich ist es geschehn, alle Heiligen sind sich darüber klar. Kaum kehrte er mir wieder den Rücken, bin ich aus der Tür, leise wie eine Maus, und meine Verbeugung beim Abgang war weniger tief, als wie ich eintrat, das kannst du glauben.»
«Alles glaube ich», sagte Henri und schloß mit ein die Vergiftung seiner Mutter.
Er sagte noch: «Ihr seid eine Familie, vor deren Reizen man sich hüten muß. Ich habe es nicht gekonnt.» Hiermit wendete er sich um, das Herz schlug ihm plötzlich bis in den Hals, so sehr blendete ihn dies Gesicht — und gehörte doch der Tochter eines finsteren Hauses.
Übrigens hatte sie fortgefahren, sich anzüglich und gelehrt zu unterhalten, gleichviel mit wem. Ihm wurde heiß, schon wollte er Condé und d’Alençon zur Rede stellen: da bemerkte er auf ihrem Kleid die Farben seines Hauses. Mit ihrer Freundin hatte sie sich verabredet, an ihren Röcken, nicht sehr auffällig, Stickereien in den Farben seines Hauses zu tragen: blauweißrot. ‹Das Haus Bourbon, sie hat daran gedacht, hat mir schon längst entgegengesehn wie ich ihr, trägt meine Farben, und als sie sich weigerte, mich zu heiraten, war es in Wahrheit ein Kunstgriff, damit ich sie noch mehr lieben sollte. Denn mich liebt Margot!›
Diese Gewißheit brachte ihn außer sich, er verlangte: «Kommen Sie!» und wollte sie fortführen, um mit ihr allein zu sein. Sie stellte sich, als hätte sie nichts gehört. Seine Schwester Catherine aber beugte sich zu ihm und sagte: «Denke daran, daß wir im Louvre sind!»