Sofort bedachte er es auch — sah schnell um sich: ‹Das Paradezimmer, die geschnitzte Decke so reich an Gold, daß alle sich ausdrücken: das goldene Zimmer. Es hat Fenster auf zwei Seiten. Von Süden und der Flußlandschaft her greift schon die weite Dämmerung herein, violett und grau: so lange sitzen wir bei Tafel. Dagegen entsendet das westliche Fenster den Goldstrahl des gesenkten Tages in das goldene Zimmer, er sprüht und funkelt um einen betrunkenen König und um den verliebten, der ich bin. Achtung auf Kathrin! Meine Schwester zeigt mir ihr kleines vernünftiges Gesicht; von unserer lieben Mutter ist es nicht, aber doch spricht es zu mir, wie nur das ihre sprach. Hast recht, Schwester, dies ist das Schloß Louvre, darin haben wir keinen Freund und sind zu zweit allein.›

Marguerite von Valois beschenkte ihn aufs neue mit ihrer Stimme und hätte wieder sein Herz ergriffen, gleichgültig, ob ihre Rede züchtig war. Leider wurde es ihm auf einmal unmöglich, den Streit im Vorzimmer zu überhören. Sie schrien und drohten schon längst dort draußen, übertönten die Zimbeln und Pauken, und immer konnte die Schlacht beginnen. Henri erfaßte es auf einmal; Marguerite von Valois schloß ihn nicht mehr dagegen ab, weder ihre Stimme noch ihr blendendes Gesicht oder ihr starker Duft. Das alles empfing plötzlich den Sinn der Versuchung und des Scheins — indessen draußen die Wirklichkeit nach ihm rief, damit er seine Pflicht täte. Seine Mutter war vergiftet worden: o Gedanke, bei dem das Herz stillsteht! Aber hinter seinen Schultern und jenseits der Wand des goldenen Zimmers begannen bald die Gemächer ihrer Mörderin. In der Mitte zwischen der, die drinnen lauerte, und den Feinden draußen, die sogleich über die Seinen herfallen konnten, liebte er: liebte Marguerite von Valois, und die alte Königin sah durch ein Loch in der Wand.

‹Schwester, blick du nur klar und ernst! Bewahr ich mich doch selbst von Grund auf vernünftig, obwohl verwickelt in die Sache von Betrunkenen und Mördern. Es ist wahr: unsere Lage vermag gar nichts gegen meine Leidenschaft für Madame Marguerite, die edel anzusehen bleibt wie ihr Bild, und was sie innen sinnt, erfahr ich später in ihren Armen oder auch dann nicht! Weißt du, Schwester, daß ich diesen Hof nicht verlassen will? Um Margots willen lieb ich auch ihn, samt aller Kühnheit und Gefahr. Unsere Mutter nannte ihn verderbt, noch mehr als sie gedacht hätte, und sie wünschte, daß ich mit meiner Frau fern von hier und in ländlichem Frieden lebe. Das soll nicht sein, wie ich wohl fühle. Die Frauen fordern an diesem Hof die Männer auf, sagte die Königin Jeanne. Wirklich hat Charlotte de Sauves keine Zeit verloren, und warum sollte ich mich kalt stellen. Dennoch gäbe ich mein Leben nur für Madame Marguerite von Valois. Schwester! Willst du mich noch einmal an unsere Mutter erinnern? Mir steht das Herz still.›

Als hätte er dies ausgesprochen, beugte Catherine von Bourbon sich wahrhaftig zu ihrem Bruder und sagte: «Denk, an unsere Mutter!»

Der Achtzehnjährige, den alle Stürme des Lebens auf einmal schüttelten, erwiderte trotzdem in tiefem Einverständnis: «Ich denke an sie.»

Indessen kehrte sein Vetter Condé aus dem Vorzimmer zurück: «Ich habe in deinem Namen die Unseren fortgeschickt», erklärte er. Henri sprang auf.

«Das darfst du nicht! Das Feld soll uns doch bleiben!»

«Dann befiehl ihnen, daß sie die Herren vom Hof erschlagen, ohne einen einzigen zu vergessen. Befehl es sogleich, noch ist Zeit.»

Stampfende Schritte waren zu hören: die Abziehenden — aber sie drohten laut, kehrten um und pflanzten sich zuerst noch breitbeinig auf, wenn sie schon weichen sollten auf das Geheiß ihres Herrn.

Condé wurde von Wut erfaßt. «Mir soll’s recht sein: ein Gemetzel, ich mach es mit! Nun? Du sprichst?»