Henri schwieg. Ihm war durchaus bewußt, was der andere in seinem Anfall vergaß: sie hätten damit anfangen müssen, Karl den Neunten und seine Brüder zu ermorden. Sie durften im Louvre keinen übriglassen, der sich nicht ergab, und dann kam Paris dran. Welch ein schauriger Wahnsinn: das goldene Zimmer war es, das ihn ausbrütete, aber noch eher tat es die alte Mörderin hinter dem Loch in der Wand! Karl der Neunte sah stumpf drein wie ein Tier. Seine Brüder standen in der Tür und hetzten die Streitenden noch. Henri drängte zwischen ihnen hindurch, erschien im Vorzimmer und rief die Seinen an. Einen Augenblick schwankte die Stimmung, bis genug von ihnen sich besonnen hatten. Sie hielten ihr Wort auf, so heftig es heraus wollte, und zogen ab, drüben durch den großen Festsaal, worin es dunkelte: dort verstummten sie ganz.

Allerdings trafen auch schon Diener mit Fackeln ein und hinter ihnen schöne Fräulein: nicht mehr nur die wenigen, die vorher im Garten aufgetreten waren, nein, gleich ein Regiment. Selbst das umfaßte noch nicht die Gesamtheit der Ehrendamen, über die Madame Catherine verfügte wie über leichte Truppen. Schnell warfen diese sich auf jede bedrohte Stelle, und auch die wilden Hugenotten wollten sie wohl zähmen. Zündet Kerzen an, Diener! Vier Reihen von je fünf Kronleuchtern, denn die Mädchen sind grade für dieses Licht geschminkt. Die Banditen, die man Hugenotten nennt, werden ihnen alles verraten, was sie denken oder vorhaben, und pünktlich erfährt es Madame Catherine.

«Vorsicht!» sagte Henri scharf zu Agrippa d’Aubigné, der es weitergab.

«Gut Freund, meine Herren!» rief der König von Navarra, auf einmal ganz Leichtsinn und Heiterkeit, den Hofleuten zu, denn sie hielten das Vorzimmer besetzt, als erwarteten sie Angriffe. «In Gegenwart der Damen werden meine rauhen Koller so glatt wie Seide.» Dies betonte er, als ob er sich lustig machte über seine eigenen Getreuen — und damit gefiel er denen vom Hof so sehr, daß ein Herr de Maurevert ihm die Hand küßte. Henri zog sie keineswegs vorzeitig zurück, obwohl es ihn kalt überlief.

Als er zurückkehrte, wurde Karl der Neunte soeben fortgetragen von Dienern in sein Schlafzimmer, das vorderste der königlichen Wohngemächer. In dem letzten von ihnen hatte Henri mit der alten Katharina darüber verhandelt, ob seine Mutter von ihr vergiftet wäre. Dorthin war Madame Marguerite verschwunden: wen konnte es wundern, die Tochter Katharinas! Auch ihre Brüder und die Dame de Sauves hatten sich davongemacht. Neben der ziemlich verwüsteten Tafel und dem umgestürzten Stuhl des Königs warteten auf Henri nur noch seine Schwester und sein Vetter.

Sie sah den Bruder an, sie schwieg, bis die Tür geschlossen worden war. Auch dann flüsterte sie nur. Er dachte nach, sagte gar nichts, bewegte aber schnell die Augenlider. Darauf nahm sie den Arm des Vetters. Beide gingen vor Henri her, in das Vorzimmer, nach dem Winkel rechts und dann die verborgene kleine Treppe hinab in den Hof.

Das gemeine Wirtshaus

Dort wurden sie sogleich unsichtbar. Der «Brunnenschacht des Louvre» war angefüllt mit tiefer Dunkelheit. Hinter mehreren Fenstern in verschiedener Höhe der Mauern flackerte schwach ein rötlicher Lichtschein, daran erkannte man erst, wie eng die Finsternis dazwischen anstieg. Henri stand ohne Regung, bis er jemand wispern hörte: «Hierher!» Er folgte hinter einigen Vorsprüngen und durch einen unbeleuchteten Gang der Stimme, die wiederholte: «Hierher!» Endlich schlichen sie in ein Gelaß, der König von Navarra und sein Erster Kammerdiener d’Armagnac, wo bei einer einsamen Funzel sich Schatten über Schatten stürzten.

Der Edelmann als Diener verriegelte die schwere Tür und begann eine seiner Reden. «Die Mauern hier sind drei Fuß dick, das Fensterloch liegt zehn Fuß hoch. Das Volk, das in dieser Höhle haust, sitzt in der Kneipe, weshalb auch nicht der leiseste Zweifel besteht, daß wir unbelauscht sind!»

«Leuchte dennoch die Winkel ab!»