Alle Kinder sahen auf sie hin, mit vorgestrecktem Kopf.
Da war eine kleine zitternde Stimme, die sagte ganz schüchtern: »Monelle ist gestorben.« Und dann war eine große Stille.
Die Kinder brachten die kleinen brennenden Kerzen um das Bett. Und da sie dachten, daß sie vielleicht schliefe, so stellten sie vor ihr, wie vor einer Puppe, hellgrüne geschnitzte Bäumchen auf und stellten dazwischen Schäfchen aus weißem Holz, damit sie sie anschaue. Dann setzten sich alle Kinder hin und warteten. Nach einer Weile fing das kranke Kind zu weinen an, da es Monelles Wange kalt werden fühlte.
Von ihrer Flucht
Da war ein Kind, das mit Monelle zu spielen gewohnt war. Das war in der alten Zeit, da Monelle noch nicht fortgegangen war. Jede Stunde des Tages war es bei ihr und sah ihr in die zitternden Augen. Sie lachte ohne Grund, und das Kind lachte ohne Grund. Wenn sie schlief, formten ihre halboffnen Lippen gütige Worte. Wenn sie erwachte, lachte sie für sich, denn sie wußte, das Kind würde sie gleich suchen kommen.
Es war kein wirkliches Spiel, das man spielte: denn Monelle mußte arbeiten. So klein wie sie war, saß sie den ganzen Tag hinter einem alten blinden Fenster. Die Mauer gegenüber war blind von Zement unter dem traurigen Licht des Nordens. Und die kleinen Finger der Monelle liefen über die Leinwand, als gingen sie auf einer Landstraße von weißem Tuch, und die auf die Knie festgesteckten Nadeln bezeichneten die Meilensteine. Die rechte Hand war geballt, sah aus wie ein kleiner Wagen aus Fleisch und ließ hinter sich im Vorwärtsgehen eine gesäumte Furche; und knirschend, knirschend bohrte die Nadel ihre stählerne Zunge, verschwand und tauchte auf und zog den langen Faden in der goldnen Öse. Und die linke Hand war gut anzusehen, denn sie streichelte sanft die frische Leinwand, glättete alle ihre Falten, als ob sie schweigend die frischen Linnen eines Kranken glattstriche.
So sah das Kind Monelle zu und freute sich wortlos, denn diese Arbeit sah aus wie ein Spiel, und Monelle sagte ihm einfache Dinge, die nicht viel Sinn hatten. Sie lachte zu Sonne und lachte zu Regen und lachte zu Schnee. Sie liebte es, erhitzt zu sein und naß und zu frieren. Hatte sie Geld, so lachte sie, dachte, daß sie in einem neuen Kleid zum Tanze ginge. Hatte sie nichts, so lachte sie, dachte, daß sie Bohnen essen würde eine Woche lang. Hatte sie ein paar Pfennige, so träumte sie von andern Kindern, die sie damit lachen machen würde; und mit leeren Händen hoffte sie, sich in ihrem Hunger und ihrer Armut vergraben und verstecken zu können.
Immer waren Kinder um sie, die sie mit großen Augen ansahen. Aber sie hatte vielleicht das Kind am liebsten, das die Stunden des Tags bei ihr war. Und doch ging sie fort und ließ es allein. Nie sprach sie zu dem Kinde von ihrem Fortgehen, aber sie wurde ernster und sah es länger an. Und das Kind erinnert sich auch noch, daß Monelle aufhörte zu lieben, was sie umgab: ihren kleinen Lehnstuhl, die bemalten Tiere, die man ihr schenkte, und all ihr Spielzeug und allen Putz. Und sie träumte mit dem Finger auf dem Mund von anderen Dingen.
An einem Dezemberabend ging sie fort, als das Kind gerade nicht da war. In der Hand die kleine zuckende Lampe trat sie, ohne sich umzuwenden in die Finsternis. Als das Kind kam, sah es noch am dunklen Ende der geraden Straße eine kleine verhauchende Flamme. Das war alles. Monelle sah es niemals wieder.
Lange fragte es sich, weshalb sie so ohne ein Wort fortgegangen war. Es dachte, daß sie nicht traurig sein wollte von seiner Traurigkeit. Und es tröstete sich, daß sie wohl zu andern Kindern gegangen sei, die sie brauchten. Mit ihrer kleinen ersterbenden Lampe ist sie ihnen Hilfe bringen gegangen, die Hilfe eines lachenden Feuerfunkens in der Nacht. Vielleicht hat sie gedacht, daß man dieses eine Kind nicht allzusehr lieben solle, damit man auch noch die andern fremden Kleinen lieben könne. Die Nadel mit ihrem goldenen Öhr hatte das kleine Wägelchen der Hand vielleicht bis ans Ziel geführt, bis ans letzte Ziel der gesäumten Furche, und Monelle ist nun müde geworden vom rauhen Weg des Linnens, auf dem ihre Hände gingen. Sie hat wohl sicher ewig spielen wollen. Und das Kind wußte nicht die Kunst des ewigwährenden Spieles. Vielleicht hatte es sie darnach verlangt, zu sehen, was wohl hinter der alten blinden Mauer sei, deren Augen seit Jahren mit Zement verschlossen waren. Vielleicht kommt Monelle zurück. Und statt zu sagen: »Auf Wiedersehn, erwart mich, — und sei brav!« daß es dann auf die kleinen Schritte im Hausgang gehorcht hätte und auf jedes Umdrehen eines Schlüssels im Schloß, da hat sie lieber geschwiegen und kommt überraschend zurück, hinter seinem Rücken, und legt zwei matte Hände auf seine Augen — ach ja! — und ruft: »Kuckuck!« mit der Stimme eines Vögleins, das in die warme Heimat zurückkommt.