Das Kind erinnerte sich an den ersten Tag, da es Monelle sah; wie ein zerbrechliches glitzerndes Stückchen Schnee sah sie aus und schüttelte sich vor Lachen. Und ihre Augen waren wie Wasser, in dem die Gedanken sich bewegten wie Schatten von Pflanzen. Da, von der Straßenecke her war sie gekommen, ganz einfach und wie selbstverständlich. Sie lachte, so ein langsames Lachen, wie der Ton, wenn man auf ein Kristallglas schlägt. Das war in der Winterdämmerung, und es war neblig; dieser Laden war offen — gerade so. Derselbe Abend, dieselben Sachen dort und hier, dasselbe Summen in den Ohren: doch das Jahr ist anders, und es ist die Erwartung. Vorsichtig machte das Kind ein paar Schritte; ja, alles ist ganz so wie das erstemal. Und es wartete: warum soll sie denn nicht zurückkommen? Und das Kind streckte seine arme geöffnete Hand durch den Nebel.

Diesmal trat Monelle nicht aus dem Unbekannten heraus. Kein kleines Lachen kam durch den Nebel. Monelle war weit und erinnerte sich nicht an den Abend noch an das Jahr. Wer weiß? Vielleicht war sie des Nachts in das unbewohnte Zimmerchen geschlüpft und erwartete es leise zitternd hinter der Tür. Das Kind ging ganz leise, es wollte sie überraschen. Aber Monelle war nicht da. Sie wird zurückkommen, — o ja! — ganz sicher wird sie zurückkommen. Nun haben die andern Kinder schon genug Gutes von ihr gehabt. Jetzt ist die Reihe wieder an dem verlassenen Kinde. Und es hörte seine schelmische Stimme leise sagen: »Heut bin ich brav.« — Kleines verschwundenes weitfernes Wort, verblaßt wie eine alte Farbe, und schon verbraucht von den Echos der Erinnerung.

Das Kind setzte sich geduldig hin. Da war der kleine Korbstuhl mit der Spur ihres kleinen Körpers, und das Tischchen, das sie gern hatte, und der Spiegel, der ihr um seines Sprungs willen noch teurer war, und das letzte kleine Hemd, das sie genäht hatte, das kleine Hemd, das ›sich Monelle nannte‹, ordentlich hingelegt, ein bißchen gebauscht, als wartete es auf seine Herrin.

Alle die kleinen Sachen des Zimmers warteten auf sie. Der Arbeitstisch war, wie sie ihn verlassen hatte. Das kleine Maßband in seiner runden Büchse steckte seine grüne Zunge heraus, sie war von einem Ring durchzogen. Das entfaltete Linnen der Taschentücher hob sich in kleinen weißen Hügeln. Dahinter standen die Nadeln wie Lanzen im Hinterhalt. Der kleine eiserne und ganz verarbeitete Fingerhut war eine verlassene Sturmhaube. Die Schere hatte faul das Maul offen wie ein stählerner Drache. So schlief alles in der Erwartung. Der lebende Wagen, so weich und behend, fuhr nicht mehr, brachte nicht mehr über diese verzauberte Welt seine laue Wärme. Dieses ganze kleine Schloß der Arbeit lag im Schlummer. Das Kind war voll Hoffnung. Die Tür wird aufgehn, ganz leise; der lachende Feuerfunken wird hereinspringen; die weißen Hügel werden sich entfalten; die dünnen Lanzen werden sich schütteln; die Sturmhaube wird ihr rosa Köpfchen finden; der stählerne Drache wird schnell mit dem Maul klappern, und der kleine lebende Wagen wird überall herumkutschieren, und die vergehende Stimme wird wieder sagen: ›Ich bin brav heute!‹ — Kommen denn die Wunder nicht zweimal?

Von ihrer Geduld

Ich kam an einen engen und dunklen Ort, aber es duftete da nach dem traurigen Geruche verwelkter Veilchen. Und es war kein Mittel, diesen Ort zu vermeiden, der wie ein langer Durchgang ist. Und um mich tastend berührte ich einen kleinen zusammengekauerten Körper wie damals im Traum, und ich strich über Haare, und meine Hand fühlte ein Gesicht, das ich kannte; und es kam mir vor, als ob sich die kleine Stirne unter meinen Fingern in Falten zöge, und ich erkannte, daß ich Monelle gefunden hatte, die allein hier an dem dunklen Ort schlief.

Überrascht entfuhr mir ein Ausruf, und ich sagte zu ihr, die weder lachte noch weinte:

— O Monelle! Hier hast du dich zum Schlaf gelegt, fern von uns, wie eine geduldige Springmaus in der Höhlung einer Furche?

Und ihre Augen wurden weit, und ihre Lippen öffneten sich, wie früher, wenn sie nicht verstand und die Klugheit dessen anflehte, den sie liebte.

— O Monelle, sprach ich da, alle die Kinder weinen in dem leeren Hause; und das Spielzeug ist mit Staub bedeckt, und die kleine Lampe ist verloschen, und alles Lachen, das in allen Winkeln war, ist geflohen, und die Welt ist zurückgekehrt zur Arbeit. Aber wir dachten dich anderswo. Wir dachten, du spieltest weit von uns, an einem Ort, zu dem wir nicht gelangen können. Und nun schläfst du hier wie ein kleines wildes Tier, unter dem Schnee, dessen Weiß du liebtest.