„Ziehen alle frommen Leute aus dem ganzen Lande miteinander fort?“ fragte Friedel weiter.

„O nein! Es sind ganz mächtig viel; wohl dreißigtausend. In viele Züge geteilt, werden sie nach verschiedenen Richtungen hin wandern.“

„Ist denn Platz für alle draußen in der Welt? Ist sie so groß?“

„O Kind, die Welt hat Raum für Unzählige! Aber ob wir alle liebreiche Aufnahme finden werden in der Fremde, das steht bei Gott. Etliche wollen sogar übers Meer ziehen ins ferne Land Amerika. Die meisten hoffen Zuflucht zu finden bei dem Preußenkönig, der ein frommer Mann und uns wohlgesinnt ist.“

„Aber wir, Großvater? Gelt, wir fahren mit übers Meer in einem großen Schiff, wie in des Paten Buch abgemalt ist? Das muß gar herrlich sein!“

„Ach Kind“, seufzte der Alte, „bitte Gott, daß meine Kräfte aushalten bis zum Sammelplatz; weiter denk’ noch nicht! Sieh, hier ist unsere versteckte Höhle; das Mooslager drin ist noch weich und trocken. Laß uns ruhen bis zur Morgendämmerung.“

2. In der Talmühle.

Noch lag am nächsten Morgen mattes Dämmerlicht über dem Städtchen und seiner Umgebung, da ward es schon auf allen Pfaden, die nach Norden zu hinab ins Tal führten, lebendig. Und als die Sonne endlich emporstieg, herrschte auf der großen Wiese, wo man sonst allerlei ländliche Feste zu feiern pflegte, ein buntes, reges, aber ach, so trauriges Leben. Kein Lachen, Singen und Jauchzen war zu hören; wohl aber brach hier und da ein gequältes Herz in lauten Jammer aus. Tröstend, ordnend und ermahnend gingen ernste, rüstige Männer zwischen den Betrübten umher, und allmählich bildete sich der Zug. Auf hochbepackten, von Pferden oder Kühen gezogenen Wagen führte man allerlei Hab und Gut mit sich; auch die Kranken und Schwachen hatte man darauf gebettet und so gut wie möglich vor der Kälte geschützt. Da gab es Kindlein, die vielleicht erst gestern das Licht der Welt erblickt, Greise, die wohl kaum noch einige Wochen zu leben hatten; alle wurden erbarmungslos hinausgejagt in die rauhe, kalte Welt.

„Wo ist Vater Andreas?“ fragte der Pate Rudi, der bleich, matt und sehr gealtert unter dem leinenen Schutzdach eines Wagens lag. „Hier wäre noch ein Plätzchen für ihn und meinen Liebling, den Friedel.“

„Er wird wohl unter denen sein, die dort schon den breiten Pfad entlang ziehen. Er ist ja überall mutig voraus! Legt euch nur wieder nieder und versucht ein wenig zu schlummern. Am nächsten Ruheorte treffen wir wohl den Andreas.“