Es war nun Mittag vorüber und gar keine Hoffnung mehr, den Zug zu erreichen. Aber ein Obdach für die nächste Nacht mußte sich ja finden, sei es auch nur in einer einsamen Jäger- oder Köhlerhütte. Sie wanderten kreuz und quer, aber die Gegend blieb einsam und ward Schritt zu Schritt rauher und wilder. Auch Friedels Mut fing an zu sinken, und seine Kraft war erschöpft. Weinend schmiegte er sich an den Großvater, als sie wieder einmal ruhten. Es war mitten im Walde am Ufer eines Baches, der über Steingeröll hüpfend in schäumenden Wellen bergab eilte.

„Fürchte dich nicht, mein Kind!“ sagte der Alte mit matter Stimme. „Gott ist bei uns; er verläßt uns nicht. Und selbst wenn er mich zu sich holen würde, und du allein bliebest, verzage nicht! Weißt du noch den schönen Vers, den du neulich lerntest: ‚Unverzagt –‘?“

„Ja, Großvater“, erwiderte das Kind, tapfer seine Tränen trocknend:

„Unverzagt und ohne Grauen

Soll ein Christ, wo er ist,

Stets sich lassen schauen. –

Horch! Bellt da unten im Walde nicht ein Hund? Jetzt wieder! O komm, Großväterle! Versuch’ doch aufzustehen! Wo ein Hund ist, ist wohl auch ein Mensch!“

Mühsam erhob sich der Alte; ganz pfadlos gingen sie am rauhen, steinigen Ufer des Baches hin, der schnell breiter und reißender ward. Aber schon nach wenig Minuten verließen den Alten die Kräfte; zwischen den feuchten Steinen sank er zusammen und vermochte sich nicht wieder zu erheben. Mit Mühe schob ihm der Knabe sein eigenes kleines Bündel unter den Kopf und versuchte ihn etwas bequemer zu legen.

„Wart’ nur ein ganz klein Weilchen“, tröstete er; „ich lauf’ schnell und hol’ gute Leute, die uns helfen.“