„Gott geb’s, mein armes Kind!“ flüsterte der Greis. „Küsse mich noch einmal. O, Gott erbarme sich deiner, mein Liebling!“

Wieder und wieder küßte der Knabe das kalte, bleiche Antlitz des Liegenden. Es ward ihm gar so schwer, ihn zu verlassen; das liebe Gesicht sah so verändert aus. Aber er mußte ja Hilfe haben; Großvater sollte bald einen Trunk heiße Milch haben und vielleicht auch ein warmes Lager.

Tapfer drang er vorwärts. Dichtes Dorngestrüpp versperrte ihm oft den Weg, riß ihm die Hände blutig und manches Loch in sein Röcklein. Oft war er nahe dran, entmutigt umzukehren, aber das Bellen des Hundes lockte ihn immer wieder vorwärts. Da plötzlich, als er sich durch eine Reihe dichter niedriger Nadelholzbäume gedrängt, war er am Ziel. Ein freier ebener Platz lag vor ihm, ringsum dichter Wald. In raschen Wellen eilte der Bach hindurch, und an seinem Ufer stand ein Häuschen, der lieben heimatlichen Hütte ganz ähnlich, von rohen Steinen gebaut, mit weit vorstehendem Dach, niederer Tür und kleinen blanken Fenstern. Daneben aber klapperte, vom strömenden Wasser getrieben, lustig ein Mühlrad.

Mit raschem Blick hatte der Knabe das langersehnte Bild geschaut. O weh! Da kam mit wütendem Gebell ein großer zottiger Hund auf ihn zugestürzt. Sollte er fliehen? Ach nein; Großvater mußte Hilfe haben! Tapfer trat er dem Tier entgegen, den kleinen Wanderstab drohend erhoben. Da öffnete sich die Tür des Häuschens, und ein Mann trat heraus, dessen Anblick ihn noch mehr erschreckte als der des Hundes. Ach, er sah aus wie die Riesen, die die alte Zenzi so schrecklich zu schildern verstand!

Groß und stark, mit struppigem, langem schwarzen Haar und Bart, war er nur mit einem Kittel bekleidet, der aus dem Fell eines Bären gemacht war. In der Hand einen langen dicken Stock, trat er mit wilder Gebärde und zornigem Blick auf den kleinen Eindringling zu. Der aber hatte sich bereits gefaßt. Sobald der Hund auf den Ruf des Mannes von ihm abließ, faltete er die Hände und sprach laut:

„Unverzagt und ohne Grauen

Soll ein Christ, wo er ist,

Stets sich lassen schauen.“

„Ist das dein Gruß?“ fuhr ihn der Fremde an. „Wie wagst du in meinen Zauberkreis zu dringen?“

„Ich hab’ nicht gewußt, daß es ein Zauberkreis ist“, erwiderte Friedel. „Aber ich bitt’ Euch, wenn Ihr ein guter Riese seid, so helft doch meinem Großvater! Er liegt oben im Walde und kann nimmer aufstehen.“