„Du hast in deiner Einfalt wahr gesprochen, mein Kind; er kann meiner Seele nichts tun! Schon längst möchte ich dir etwas sagen, was du noch nicht ganz verstehen wirst, aber doch wissen mußt. Höre mir nun recht aufmerksam zu. Sag’, weißt du denn, warum wir am Sonntag nicht in die schöne große Stadtkirche gehen, sondern in das ärmliche Kapellchen in der engen Gasse?“
„Hab’ nimmer daran gedacht“, gestand der Knabe. „Hab’ aber ’mal in die große Kirch’ neingeguckt, als die Tür weit offen stand. Ei, da ist’s fein drin! Bilder gibt’s und Figuren, und gleißt alles von Gold! und Silber.“
„Das glaub’ ich wohl! Aber sieh, der dicke Pater Ignatius führt die Leute in der schönen Kirche nicht den rechten Weg zum Himmel. Du kennst ihn doch, nicht wahr?“
„Es ist unser HErr JEsus Christus“, erwiderte der Knabe feierlich; „wer an ihn glaubt, wird selig.“
„Dabei bleib’ fest dein Leben lang! So lehrt ja unser lieber Pfarrer mit großem Fleiß die Großen und Kleinen, und schöpft alle seine Lehre aus der lieben Bibel. Pater Ignatius aber verbietet die Bibel zu lesen. Er sagt, man solle sich den Himmel verdienen mit guten Werken; man solle die Jungfrau Maria und andere Heilige anrufen, die doch auch sündige Menschen waren. Sieh, so gibt’s zweierlei Leut’ hier. Die meisten folgen dem Pater, der kleine Teil dem Pfarrer. Bisher haben sie äußerlich Frieden gehalten; jetzt aber hat der Erzbischof befohlen, die wenigen, die das kleine Kirchlein besuchen, zu ängstigen und zu verfolgen.“
„Aha!“ lachte der Junge. „Nun weiß ich auch, warum mich des Müllers Sepp letzthin einen Ketzer schalt. Na, ich hab’s ihm heimgezahlt, daß er heulend davonlief mit einer Beule am Kopf. Und ist doch älter als ich!“
„Das mußt du nicht tun! Weißt du nicht, wie geduldig unser Heiland litt, als man ihn beschimpfte?“
„Ach, Großvater, das geht ja mit dem Sepp nimmer. Der tät ja gleich –“
„Schweig, törichtes Kind! Ich verbiete dir ernstlich, dich zu rächen, wenn man dich deines Glaubens wegen beschimpft.“
Zwei große Tränen, die über das ehrwürdige Antlitz des Alten in den weißen Bart rollten, stimmten den Knaben plötzlich weich und ernst. Liebkosend schmiegte er sich an den Alten und sprach leise: