Am Abend rief Franzl den Friedel in seine eigene Kammer, hieß ihn an den Tisch sitzen, wo das Schreibgerät stand, und sprach:

„Schreib’ mir den Vers auf, den du am Sterbebett gebetet.“ –

Wo soll man die selig Entschlafene zur Ruhe bringen? Diese Frage machte dem Franzl viel zu schaffen. Auf den Kirchhof konnte man sie nicht begraben, ohne daß der Priester davon erfuhr, und dann würde allerlei an den Tag kommen, was am besten verschwiegen blieb. Was hinderte es aber, sie neben ihren Christoph zu legen! Waren nicht Männer genug im Hause, die sich beim Tragen der ohnehin nicht schweren Last abwechseln konnten?

So kam es, daß zwei Tage später ein stiller Trauerzug durch den Felsengang schritt und nach mühsamem Abstieg ins verlassene Tal kam, wo die Waldbäume schon anfingen, zarte Blätter zu treiben, das Gras grünte und hier und da ein Vogelstimmlein laut ward. Freundlich schien die Sonne auf die einsamen Gräber, denen nun ein drittes beigesellt ward. Als der Hügel aufgeschüttet war, und Ännchen ein Kränzlein von Frühlingsblumen darauf gelegt hatte, falteten alle die Hände zum stillen Gebet.

Ännchen hatte sich heute auf dem beschwerlichen, traurigen Weg von Friedel führen und stützen lassen wie ehemals, als sie noch Kinder waren. Jetzt stand sie neben ihm, still und gefaßt, den Blick zum Himmel gerichtet. Leise begann sie zu singen, und Friedel stimmte mit klaren Tönen ein:

„O Jerusalem, du Schöne!

Ach wie helle glänzest du!

Ach wie lieblich Lobgetöne

Hört man da in sanfter Ruh’!

O der großen Freud’ und Wonne!