Die kein Ende nehmen kann.“

6. In die weite, weite Welt.

Obgleich Friedels Trauer um die freundliche Talmüllerin, die wie eine Mutter an ihm gehandelt, tief und aufrichtig war, ward doch die Sehnsucht nach einem freien Wanderleben täglich stärker in seiner Seele. Noch wenige Wochen, dann sollte es fortgehen in die weite Welt! Nur eine Sorge lastete noch auf seinem treuen Herzen. Ännchen paßte nicht recht zu dem jungen Volk auf dem Steinhof, das so lustig und leichtsinnig ins Leben schaute und mit dem schüchternen, ernsten Mägdlein nichts anzufangen wußte. Es tat ihm weh, es so einsam in einem Winkel sitzen zu sehen, emsig spinnend oder nähend, während die andern am Feierabend allerlei Kurzweil trieben, lustige Liedlein sangen und einander neckten und hänselten. Wenn er sich zu ihr setzte, ward sie ja hold und freundlich, lächelte aber doch wehmutsvoll über seine goldenen Zukunftspläne. Ach, wenn er fort war, würde sie nur Tobi zum Freund und Beschützer haben, der doch als Knecht gehalten ward und nur zum Essen ins Haus kam! Auch war’s dem Friedel nicht entgangen, daß Peter, der zweite verheiratete Sohn des Hauses, ein etwas mürrischer Mensch mit stechenden, dunklen Augen, ihn und das Mägdlein von Anfang an mißgünstig angesehen hatte.

Da war’s ihm ein großer Trost, daß dem Kinde recht bald nach dem Tode der Mutter ein starker Beschützer auftauchte, nämlich der alte Hausherr selbst. Bisher hatte er das Mädchen wenig beachtet; jetzt strich er ihm oft mit der Hand übers Goldhaar, sprach ihm freundlich zu und fragte, ob man es auch ordentlich versorge mit Speise, Trank und Kleidung. Endlich kam es so weit, daß Ännchen ihm allerlei kleine Dienste leisten durfte, und er sie gerne bei sich behielt, wenn die andern zur Feldarbeit auszogen, an der er, seines Alters wegen, nicht mehr teilnahm. Aber in dem schönen Garten hinterm Hause, wo man Obstbäume, Blumen und allerlei Küchenkräuter zog, arbeitete er noch rüstig, und wer ihm dabei helfen mußte, ward von niemand beneidet, da man’s ihm schwer zu Dank machen konnte. Darum waren’s alle zufrieden, daß er sich dies Jahr das stille fremde Mädchen zur Gehilfin wählte. Ännchen bewies sich so emsig, gehorsam und geschickt, daß sie nur immer Lob von dem Alten erntete. Ruhten sie dann auf der Bank unterm Apfelbaum, um das Vesperbrot zu essen, so führten sie gar ernstes Gespräch miteinander. Nicht selten brachte der Mann auch das Buch heraus, das er vor den Söhnen verborgen hielt, und das Kind mußte ihm vorlesen. Es tat es mit süßer Stimme und tiefem Verständnis.

So standen die Dinge, als im wunderschönen Monat Mai Joseph und Friedel ihre Ranzen schnürten, die Wanderstäbe ergriffen und dem Steinhof Lebewohl sagten.

Joseph schied leichtherzig; sein Ziel war eine Stadt an der Donau, wo sein Oheim wohnte, in dessen Hause er ein lustig Leben zu finden hoffte. Friedel aber wanderte ins Ungewisse, denn ein gut Stück weiter mochte das Preußenland wohl sein. Ach, und wie wollte ihm das Herz zerspringen beim Abschied von Ännchen! Bleich und still reichte sie ihm die Hand, litt es auch, daß er ihre Stirn küßte, was er lange nicht mehr gewagt. Dann schlug sie die Hände vors Gesicht und lief eilend davon. „Sei getrost, braver Bub“, sprach Franzl zu ihm, „ich bewahre sie dir!“

Als sie nun, von dem jungen Volk geleitet, zum Hof hinauszogen und zwischen grünenden Feldern hinwanderten, blickte Friedel noch einmal zurück. Da stand oben auf der schmalen Felsplatte, von wo er einst zum erstenmal das Tal überblickt, eine feine Mädchengestalt. Ein Sonnenstrahl fiel auf ihr Goldhaar, denn sie hatte das Kopftüchlein abgenommen und winkte ihm damit den Abschiedsgruß zu.

Als die Wanderburschen das schöne Tal hinter sich gelassen hatten, durchzogen sie stundenlang recht öde Gegend, sahen verfallene Hütten, brachliegende, mit Gestrüpp bewachsene Felder und ganz verwilderte Gärten.

Es waren verlassene Wohnstätten der vertriebenen Lutheraner; und das frevelhafte Wort des Erzbischofs: „Lieber sollen in meinem Lande nur Dornen und Disteln wachsen, ehe ich einen Ketzer drin dulde“, war hier schon in Erfüllung gegangen.

Am nächsten Tage überschritten sie die Grenze und kamen nach Bayern. Allmählich ward das Land weniger gebirgig und wäre wohl ungemein fruchtbar gewesen, wenn nur das Landvolk Zeit und Mut gehabt hätte, es recht ordentlich zu bebauen. Aber ach, es war damals in ganz Deutschland böse Zeit für das Volk, besonders für die Bauern! Nur wenige saßen im Wohlstand auf eigenem Grund und Boden, die meisten hatten ihr bißchen Land von einem Edelmann gepachtet. Da nun zu jener Zeit die Fürsten meist in Saus und Braus, ja sogar in Wollust und unsinniger Verschwendung lebten, machten’s die Edelleute ihnen nach, und plagten und drückten die armen Bauern nach Herzenslust, so daß keiner zu einigem Wohlstand gelangen konnte. Der damalige Kurfürst von Bayern fütterte seine zahllosen Jagdhunde mit viel besseren Speisen, als die Landleute auf ihrem Tische hatten.