So trafen auch die beiden Wanderburschen fast überall Mutlosigkeit, Armut und dazu die größte Unwissenheit an. Allzu freundlich waren die Leute auch nicht; besonders Friedel ward oft scheel angesehen, weil er sich nicht vor dem Kruzifix oder Heiligenbild bekreuzte, und die Stirn nicht netzte aus dem kleinen Weihwasserbecken, das in keiner Herberge fehlte. Dennoch gab’s manch lustige Wanderung durch grünen Wald und blumige Wiesen, und viel Schönes zu sehen in den Städten, die sie durchzogen. In einer derselben ward eben Jahrmarkt gehalten. Da konnte sich’s Friedel nicht versagen, ein seidenes Tüchlein und ein Silberkettchen für Ännchen zu kaufen, so sehr auch Joseph darüber lachte. Wohleingewickelt barg er’s in seinen Ranzen. Würde er ihr es wohl jemals umhängen?

Zuweilen trafen sie auch einen Fuhrmann, der mit hochbeladenem Frachtwagen die rauhe, holprige Landstraße entlang zog, und ihnen gern erlaubte, für ein paar Groschen ein gut Stück mitzufahren.

Endlich ward das Land so eben und flach, wie es Friedel gar nicht für möglich gehalten hatte, und eines Abends sahen sie von weitem die Türme der Stadt P. Sie wanderten am Ufer eines großen Flusses, der hieß der Inn, und meinten, einen größeren könnte es auf der ganzen Welt nicht geben. Aber die Donau, an deren Strand sie endlich staunend standen, war noch viel breiter, und die großen und kleinen Schiffe, die so lustig einherschwammen, entzückten Friedel so sehr, daß er sich fest vornahm, ein Stück auf dem Wasser zu fahren, sobald er allein sei.

Mit einbrechender Nacht erreichten sie das Haus des Silberschmieds, in dem behaglicher Wohlstand herrschte. In dem Briefe des Vaters, den Joseph dem Hausherrn überreichte, mochte wohl auch Friedel der Huld des stattlichen, selbstbewußten Mannes empfohlen sein, denn er ward recht freundlich aufgenommen. Als sich’s aber zeigte, daß er ein blutarmer Bursch, dazu auch ein Ketzer war, behandelte man ihn kühler, und nach zwei sehr nötigen Rasttagen nahm er seinen Abschied.

Recht frei und leicht war ihm zumute, daß er nun ganz sein eigener Herr war, aber doch auch ein wenig beklommen. Über seinen Plan, nach Preußen zu ziehen, hatte der Silberschmied nur gelächelt und die hohe, stattliche Gestalt des Burschen mit so eigenem Blick betrachtet. „Sei gescheit!“ hatte er gesagt. „Nimm Arbeit in deinem Handwerk, sobald du sie findest, und verdiene dir ein gut Stück Geld; das ist die Hauptsache.“ Ja, alle Leute taten, als ob das Geld das höchste Gut sei; der Großvater und die Talmüllerin hatten ganz anders gesprochen!

Behaglich schlenderte er noch ein wenig in der Stadt umher, die zwar schöne Kirchen, aber enge, düstere Straßen hatte. O wie trübselig mußte es sein, zwischen diesen altersgeschwärzten Mauern zu wohnen! Es zog ihn mit Gewalt wieder hinaus in Freie. Schade, daß hier alles katholisch war! Wie gern hätte er einmal wieder in einer Kirche gebetet und gesungen, wie vor vielen Jahren als kleiner Knabe! Schon war er dem Flußufer wieder nahe, da sah er ein bescheidenes Kirchlein auf einem kleinen freien Platze. Die Tür war offen, und drinnen ward gesungen. Horchend blieb er stehen. O, klang es nicht wie süßer Ton aus der friedlichen Kindheit? Das Lied war ihm so bekannt, daß er hereintrat, sich auf die hinterste Bank setzte und gleich aus Herzensgrund mit einstimmte. Nun erschien ein alter, freundlicher Pfarrer auf der Kanzel und sprach ganz in der Weise wie der gute Herr, bei dem er zur Kinderlehre gegangen. Es wurde dem Jungen ganz heimisch in dem einfachen, fast dürftigen Raum. Als der kurze Wochengottesdienst aus war, faßte er sich ein Herz, wartete draußen auf den Pfarrer, trat mit abgezogenem Hute bescheiden auf ihn zu und fragte:

„Ich bitt’ schön, ehrwürdiger Herr, wo führt denn hier der Weg ins Preußenland? Ist’s nimmer weit dahin?“

Verwundert und fast unwillig blickte der Mann dem Burschen ins Gesicht. Nein, der sah so kindlich, so treuherzig aus, der konnte keinen albernen Scherz mit ihm treiben!

„Mein Sohn“, erwiderte er, die lange Perücke schüttelnd, die er nach damaliger Sitte trug, „da hast du einen weiten, gefährlichen Weg vor dir! Sage, was treibt dich in solche Ferne?“

„Ach, ich bin ein Salzburger und vor vielen Jahren zurückgeblieben, als der Erzbischof Firmian meine Leut’ aus dem Lande trieb. Nun bin ich groß und stark und möcht’ ihnen nachziehen.“