„Hast du denn Zehrgeld?“
„O ja; der Beutel ist noch recht dick!“ entgegnete der Bursche, ihn aus der Tasche ziehend.
„Laß ihn nur stecken“, sprach der Pfarrer lächelnd. „Und zeig’ ihn keinem ohne Not; hörst du? In unserm armen geplagten Bayernland wimmelt’s von Landstreichern und Wegelagerern. Jetzt komm mit und iß eine Suppe bei mir; dann wollen wir weiter reden.“
Nachdem sich Friedel in dem sehr bescheidenen Wohnstübchen des guten alten Herrn gesättigt, und ihm die ebenso freundliche Frau Pfarrerin einen Riß im Kittel zugenäht hatte, nahm ihn der Pfarrer in die Studierstube, wo so viele Bücher an den Wänden standen, als der Junge kaum in der ganzen Welt vermutet. Freimütig und kurz erzählte er dem alten Herrn, wie’s ihm von klein auf ergangen, und wie ihn nun eine mächtige Sehnsucht zu seinen Volks- und Glaubensgenossen treibe. Daß er aber wieder zurückgehen wolle, wenn er eine gute Heimat gefunden habe, um Tobi und Ännchen nachzuholen, das brachte er nicht über die Lippen.
„Mein Sohn“, sprach der Pfarrer nach einigem Nachdenken, „deine Schicksale sind wundersamer Art! Erzähle sie nicht so leicht einem jeden; man würde dir schwerlich glauben. Bei mir ist dein Vertrauen gut angebracht; ich weiß, daß Gott die Seinen oft verschlungene Wege führt. Die Vertriebenen sind vom König von Preußen, der ein rauher, strenger, aber frommer Mann ist, wohl aufgenommen und kräftig unterstützt worden. Viele sind in Berlin und andern preußischen Städten geblieben; der größte Teil aber ist weit, weit nach Osten gezogen, wo man ihnen Land angewiesen hat. Der König hat große Summen Geldes zu ihrer Ansiedlung gestiftet.“
„Dann will ich zum König nach Berlin gehen,“ sprach Friedel entschlossen, „und ihn um den Weg fragen; vielleicht weiß er auch, wo mein Pate Rudi geblieben ist.“
„Du bist ein rechtes Kind“, sagte der Pfarrer lachend, „und ganz und gar weltfremd! Ein Bursch, wie du, kommt nicht so ohne weiteres zum König. Dazu ist er alt und kränklich, wie man hört. Und doch möchte ich dir helfen. Deine Treue und dein fester Sinn gefällt mir.“ Er dachte eine Weile nach, setzte sich dann an den Tisch und begann zu schreiben, ließ aber sogleich wieder davon ab und fragte: „Kannst du lesen?“
„Freilich!“
„Auch Geschriebenes?“