„Sicher! Ich kann auch selber schreiben; hab’s nur seit Jahren wenig geübt.“
„Sei froh! Hier im Bayernland hätten die meisten deiner Art mit Nein geantwortet.“
Nun schrieb er ziemlich lange, faltete und siegelte einen Brief und gab ihn dem Burschen. „Dieser Brief ist an einen Pfarrer in Berlin, der mir wohlbekannt ist. Wenn dich Gott sicher so weit geführt hat, wirst du leicht seine Wohnung erfahren, und er wird dir raten, was du tun sollst. Auf diesen Zettel aber habe ich dir die Städte geschrieben, durch die deine kühne Reise führt. Sieh, diese ersten liegen in Bayern, diese nächsten in Sachsen; das ist ein lutherisch Land, da wird dir’s gefallen! Bist du aber erst in Preußen, so kommen diese Orte dran und zuletzt Berlin. Aber, aber, mein Junge! Denke nicht, daß dein Beutelchen so weit reicht! Suche Arbeit und Verdienst, wo du’s findest, nicht nur in deinem Handwerk. Glaub’ mir’s: Es kann ein Jahr vergehen, ehe du dein Ziel erreichst; denn im Winter hört alles Wandern auf bei den schlechten Straßen.“
„Das tut nichts“, erwiderte Friedel herzhaft; „wenn ich nur zuletzt hinkomm!“
„Ja, wenn!“ sagte der Pfarrer nachdenklich und ging unruhig im Stübchen auf und ab, als hätt’ er noch was auf dem Herzen. Endlich blieb er vor seinem Gast stehen und sprach: „Junge, du bist gewachsen wie eine Tanne, stark und geschmeidig dazu; nimm dich in acht, daß sie dich nicht zum Soldaten machen!“
„Ei, das sollen sie fein bleiben lassen; ich bin ja ein Müller!“
„Das schützt dich nicht! Ich sage dir’s, hüte dich! Sitze nicht lang in den Herbergen, trinke keinen Branntwein, und nimm ja von keinem Geld an, es sei denn, daß du’s mit redlicher Arbeit verdient hast.“
Und nun erzählte er dem erstaunten Burschen, wie listig es die Werber oft anfingen, einen zum Soldaten zu machen, und wie ihm kein Mensch mehr helfen könne, wenn er einmal das Handgeld angenommen.
Friedel hörte aufmerksam zu, verstand aber die Sache nicht ganz; sie war ihm allzu fremd. Hingegen schien ihm hier der rechte Ort, eine Bibel zu kaufen. Er erhielt sie aber sogar geschenkt und bedankte sich recht aus Herzensgrund. Sie war kleiner und leichter als die des Großvaters und beschwerte den Ranzen nicht sehr.
Ein wenig nachdenklich, aber doch frohen Mutes schied Friedel von dem guten Pfarrer, ging auf seinen Rat ans Flußufer und fand freie Fahrt bis Regensburg auf einem mit allerlei Kaufmannsgut beladenen Schiffe. Tüchtig rudern und manch andern Dienst tun mußte er freilich für sein bißchen Essen und Trinken; doch tat er’s gern, denn er sehnte sich danach, wieder was zu schaffen. Von Regensburg wanderte er wacker nach Norden zu, und des Pfarrers Zettel war ein guter Wegweiser. Aber recht einsam war’s doch, immer so allein seine Straße zu ziehen; darum freute er sich, als sich einst ein ganz prächtiger Bursche zu ihm gesellte, der just nach derselben Stadt wollte. Was wußte er für lustige Lieder, und wie konnte er erzählen! Ein Landstreicher war’s sicher nicht! Er hatte ja eine Feder auf dem Hut und silberne Schnallen an den Kniehosen. Ganz vornehm mußte er sein, hatte schon mit Grafen und Edelleuten zu Tisch gesessen! Aber der Sommertag war heiß, und das weiche Gras am Waldesrand lud zur Ruhe ein. Sie streckten sich im kühlen Schatten nieder und schliefen bald sanft und fest. Ja, Friedel mochte wohl recht fest geschlafen haben, denn als er endlich erwachte, die Augen rieb und sich nach dem schmucken Kumpan umsah, war er weg und kam auf kein Rufen wieder. Aber der Schweiß rann dem Friedel von der Stirn; die Sonne hatte den Weg zu ihm gefunden. Er fuhr in die Tasche, um sein Tüchlein herauszuheben. Das war sicher drin; aber der Geldbeutel, der dabei gesteckt, der war weg! O weh, o weh! Wer hätte gedacht, daß ein Landstreicher so wacker plaudern könne und samtene Hosen trüge! Ein Viertelstündchen saß der arme Bursch weinend am Waldesrand, dann aber raffte er sich auf. „’s war ja nur schnödes Geld“, sprach er; „bald kann ich’s wieder verdienen! Gut, daß ich den Ranzen unterm Kopf hatte, sonst wär’ der wohl auch weg! Nun muß ich arbeiten, und freue mich darauf; ’s Wandern kriegt einer auch satt! Schadet nichts, wenn ein paar gute Jahre hingehen, ehe ich wieder heimkomme. Ich und’s Ännchen sind ja noch viel zu jung zum – –“ Weiter kam er nicht, schnallte den Ranzen auf und marschierte wacker vorwärts.