Ein paar Tage später schaffte er schon in einer großen Mühle, wo es noch viel für ihn zu lernen gab. Der Meister gewann ihn lieb und ließ ihn den ganzen Winter nicht fort, da es im reißenden Flüßchen wenig Eis gab und das Mühlwerk nur selten stillstand. Hier schrieb er einen Brief an den Franzl und übergab ihn zaghaft der wundersamen Anstalt, die man Post nannte. Freilich war alles ringsum katholisch; aber er hielt sich still, las fleißig in seiner Bibel, mied das Wirtshaus, und in der Arbeit tat es ihm keiner zuvor.

Gern wäre er im zeitigen Frühjahr weiter gezogen, aber er mußte lange warten, ehe die aufgetauten, bodenlosen Landstraßen wieder gangbar waren. Dann setzte er seinen Stab weiter und kam glücklich bis ins Sachsenland. Einen großen Schatz trug er in der Brusttasche, einen Brief vom Franzl am Stein, unter den das Ännchen mit mühsam gemalten Buchstaben einen kurzen Gruß gesetzt hatte. Er wickelte ihn mit dem Tüchlein und der Kette zusammen, die er für Ännchen gekauft, und labte sich an dem Anblick dieser Schätze, wenn ihm der Mut sinken wollte. Denn ach, auch in Sachsen fand er das nicht, was er erwartet! Da es ein lutherisches Land war, meinte er, es müsse so fein friedlich und christlich zugehen, wie ehemals unter den frommen Salzburgern. O wie anders fand er es!

In Sachsen regierte damals August III., ein träger charakterloser Mensch, der, wie sein Vater August der Starke, seinen Glauben verleugnet hatte und katholisch geworden war. Während er nur seinem Vergnügen lebte, trieb sein Minister, Graf Brühl, die sinnloseste Verschwendung, so daß das arme Volk die schwere Last der Steuern und Abgaben kaum ertragen konnte. Die Reichen aber machten’s meist ihrem Fürsten nach, drückten und plagten die Armen und lebten dabei in Wollust. Hart und streng hielten auch die Herren ihre Knechte, die Meister ihre Gesellen. Trotzdem ging’s dem Friedel nicht allzu schlecht. An Gehorsam war er von klein auf gewöhnt; Arbeit war seine Lust, und ein hartes Wort nahm er nicht so leicht übel. Daß er jeden Sonntag zur Kirche gehen und sich dort Trost und Mut holen konnte, war ja ein unbezahlbarer Schatz. Ach, oft kam er auch mit beschwertem Gewissen! Denn nicht immer widerstand er der Versuchung, ein wenig teilzunehmen an der wilden Lustigkeit in den Herbergen. Sein Blut war heiß und wallte leicht auf, wenn man ihn neckte um seines stillen Wesens willen; schon das verwickelte ihn in manchen Streit. Auch kam’s wohl vor, daß er einmal ein Tröpflein über den Durst trank.

Nur in einem Ding blieb er unerschütterlich fest. An dem Scherz und leichtfertigem Geschwätz, das die Burschen in der Herberge mit hübschen Wirtstöchterlein oder stattlichen Mädchen trieben, nahm er nie teil, nein, nicht mit einem Wort! Sie gingen ihn alle nichts an! Nicht einen Augenblick vergaß er, was er damals am Bett kniend, zu Frau Marie gesagt, und was sie ihm geantwortet hatte. Hell und klar wollte er seine Augen zu Ännchen aufschlagen, wenn Gott ihn wieder zu ihr führte!

Zwischen all dem Jammer, all der wilden Lust und dem harten Wesen gab es doch noch eine große Anzahl ernster, frommer Christen, die, unbekümmert um die tolle Welt, ihres Glaubens lebten. Zu solchen führte Gott endlich auch den jungen Wandersmann. Ein ganzes Jahr arbeitete er bei einem braven Müller, der zu diesen „Stillen im Lande“ gehörte, befand sich dort gar wohl und ward gehalten wie ein Sohn des Hauses. Gern hätte ihn der Meister noch länger behalten, doch zog es ihn nun mächtig nach Preußen. Er hatte sparsam gelebt; sein Beutel war so gut gefüllt, daß er hoffte, damit endlich bis nach Berlin zu kommen.

In der Mühle sammelten sich oft verständige Männer aus der Stadt, um am Feierabend ein wenig zu plaudern. Bescheiden zuhörend vernahm Friedel dann allerlei vom Lauf der Welt. Er wußte, daß der strenge, gefürchtete König von Preußen, der doch unendlich viel für sein Volk getan, gestorben war, und sein Sohn Friedrich II. den Thron bestiegen hatte. Von diesem erzählte man seltsame Dinge. Klein und mager von Person, sei er doch eine gar königliche Erscheinung, und der Blick seiner Augen sei so klar und durchdringend, als wolle er jedem ins Herz hineinsehen. Sein ganzes Streben gehe dahin, sein Volk glücklich zu machen; doch gehe er dabei viel milder und freundlicher zu Werke als sein harter Vater. Das machte dem Friedel Mut und Hoffnung; wer weiß, ob’s ihm nicht gelingen würde, diesen leutseligen König selbst nach den Salzburgern zu fragen!

Von vielen Segenswünschen begleitet, zog er aus und überschritt endlich gutes Mutes die preußische Grenze. Bald merkte er, daß hier unterm Volk wirklich ein besserer Geist herrschte. Wie fleißig schafften sie alle, auch die es nicht fürs tägliche Brot bedurften! Größerer Wohlstand und bessere Ordnung war in Dorf und Stadt zu finden; freilich auch das strenge, herbe Wesen, das die Not der Zeit mit sich gebracht hatte. Bald fiel’s ihm auf, daß viele der jungen Burschen, die auf den Feldern arbeiteten, grellrote Halsbinden trugen. Auf die Frage, was das bedeute, sagte man ihm, es seien Kantonisten, d. h. Leute, die von Jugend auf für den Soldatenstand bestimmt wären. Jede Stadt und jedes Dorf müsse eine bestimmte Anzahl stellen. „Ei“, dachte Friedel, „das ist also die Sache, vor der mich der gute Pfarrer warnte. Nun, ich laß mir sicher nicht so ein rotes Ding um den Hals zwängen! Bin auch weder in Stadt noch Dorf zu Hause.“ Wenn nur die Welt, und besonders das Preußenland, nicht gar so groß gewesen wäre! Er ließ sich gewiß das Gras nicht unter den Füßen wachsen und vertat keinen Groschen unnütz, dennoch ging das Geld zu Ende, und Berlin war noch weit weg.

Eines Tages saß er mutlos in einem einsamen Wirtshaus an der Landstraße; von bösem Unwetter überrascht, hatte er das nächste Dorf nicht mehr erreichen können. Außer ihm war nur noch ein einziger Gast in der großen Stube, ein stattlicher Herr in feiner Tuchkleidung und mit einem gewaltigen Zopf, der ihm fast bis an die Hüften herabhing. Er schrieb emsig in eine große Brieftasche, trat zuweilen ans Fenster, um nach dem Wetter zu sehen, beachtete aber den Müllerburschen gar nicht. Endlich brachte der Wirt das Abendessen; für Friedel eine dicke Suppe und ein Stück Schwarzbrot, für den Herrn aber ein gebratenes Huhn und einen Krug Wein. Der hungrige Bursche vertiefte sich in seine Suppenschüssel, ohne zu merken, daß die beiden Männer leise miteinander sprachen und nach ihm hinüberblickten. Endlich begann der Herr laut zu reden:

„Es ist ein fatales Ding, daß mir der Bursch eben jetzt davonlaufen mußte um der einzigen Kopfnuß willen! Wenn’s heimwärts ginge, machte ich mir wenig draus, den Dummkopf los zu sein; aber nach Berlin ganz ohne Bedienung zu reisen, paßt mir nicht.“