Viel weiter und beschwerlicher war der Weg, als er geglaubt. Ja, es war gar kein Weg, sondern eine wilde, ganz verlassene Einöde, an die sich wahrscheinlich allerlei Aberglaube knüpfte. Aber endlich stand er doch am Ufer des Bergsees und stieg mit leichter Mühe herab. Das Wasser stand so hoch, daß nur ein ganz schmaler Streifen sandigen Ufers an der Felswand hinführte, und die Wellen ihm oft die Füße netzten, ehe er die rechte Stelle erreichte und mühsam emporklomm.

War’s nicht, als lege sich ihm eine schwere Hand auf die Schulter wie ehemals? Stand nicht des Talmüllers hohe Gestalt hinter ihm? Ach nein; nur in Gedanken durchlebte er alles noch einmal! Ringsum war’s totenstill. Die Sonne war nahe am Untergehen; er mußte sich aufraffen aus den Jugendträumen, um vor völligem Dunkelwerden die Mühle zu erreichen. Dort wollte er einsam übernachten im Schutz der verfallenen Mauern und am andern Morgen durch den Felsengang den Steinhof aufsuchen.

Langsam schritt er durch den duftigen Frühlingswald. Die Pfade, die seine und Ännchens kleine Füße ehemals getreten, waren längst überwachsen; alles ringsum zeugte von völliger Verlassenheit. Hier am Bächlein unter den Birken war Ännchens Lieblingsplatz gewesen; dort auf jenem bemoosten Felsblock hatte sie Kränze gewunden und ihm staunend zugehört, wenn er kühne Zukunftspläne entwarf. Was war aus ihnen geworden? Ach, kam er nicht ärmer zurück, als er gegangen? Würden sie ihn nicht verachten auf dem Steinhofe, wo Geld und Gut so viel galt? „Mögen sie“, dachte er. „Ein treues Herz bring’ ich mit und ungebrochenen Mut. Gott ist reich, stark und barmherzig; er wird uns wohl ins Land der Freiheit führen!“

Nun mußte das alte, traute und doch etwas märchenhafte Heim ganz nahe sein. Unwillkürlich trat er leise auf und bog geräuschlos die Zweige auseinander, die überall den Zugang versperrten. Jetzt trat er auf den freien Platz, der nun hie und da mit Gestrüpp bewachsen war. Dort stand die verfallene Mühle; es war eben noch hell genug, sie zu erkennen. Eine seltsame Scheu hielt den Jüngling ab, näher zu treten; er setzte sich auf einen Stein, wo er ehemals oft lesend oder träumend gesessen. Wie still war alles, wie öde! Nur über ihm in den Zweigen sang eine Nachtigall ihr schwermütig Lied. Wie, wenn Ännchen tot wäre, und man sie bei der Mutter begraben hätte? Wo kam ihm der Gedanke her, der ihm brennende Tränen aus den Augen trieb? Was war das für ein Glanz? Licht in der Mühle? O nein! Der Mond ging auf und goß milden Schein über das düstere Gemäuer aus. Den Kopf in die Hand gestützt, saß der Jüngling; aus seinem Herzen stieg ein inniges Gebet zu Gott empor für das Mägdlein, das er so innig liebte.

Aber jetzt fuhr er auf! Kalter Schauer durchrieselte ihn. In der tiefen Einsamkeit vernahm er plötzlich süßen Gesang! Erst waren’s ferne, leise Töne, dann ward’s lauter, und er vernahm aus den öden Mauern die Worte eines Liedes, das er von klein auf gekannt und geliebt:

„Keine Schönheit hat die Welt,

Die mir nicht vor Augen stellt

Meinen schönsten JEsum Christ,

Der der Schönheit Ursprung ist.

Oft gedenk’ ich an dein Licht,