Er schlug die Hände zusammen, wankte und wäre umgesunken, hätten ihn die beiden Alten nicht gestützt und mit Mühe auf das buntgeblümte Ruhebett niedergelegt.

Bald darauf trat heftiges Fieber ein. Er meinte, ein Werber verfolge ihn, und war kaum auf dem Lager zu halten; dann weinte er wieder um einen gefallenen Freund und um ein Ännchen und bat endlich mit wehmütiger Stimme, man sollte ihn im Walde beim Großvater begraben. Es wurde eine schwere, lange Krankheit, die sich der Jüngling wohl durch häufiges Übernachten im Freien, durch allzu anstrengende Märsche bei schmaler Kost und hoher Gemütsaufregung zugezogen hatte.

Als endlich seine starke Natur mit Gottes Hilfe die Krankheit überwand und ihm die Kräfte langsam wiederkehrten, war der Winter mit voller Gewalt eingezogen, und an Weiterwandern nicht zu denken. Sollte er wohl nun an Ännchen schreiben? Nein, doch nicht! Leicht konnte der Brief in fremde Hände kommen. Wer weiß, ob Franzl noch lebte! War er doch schon vor sechs Jahren ein recht alter Mann gewesen. Ob Ännchen und Tobi dann noch auf dem Hofe sein würden, war sehr zweifelhaft. Vielleicht hatte ihnen Peter schon längst den Weg gewiesen!

Gern blieb der Genesende einige Monate lang bei seinen barmherzigen Pflegern, deren stiller, netter Haushalt ihm nach der wüsten Soldatenwirtschaft wie ein Paradies erschien. Allerlei Handarbeit, durch die er einige Groschen verdienen konnte, fand sich bald. Daneben tat er seinen Wirten zulieb und zu Dienst, was nur ein guter Sohn den Eltern tun konnte. Seine Vergangenheit und seine Zukunftspläne legte er ihnen offen dar und war herzlich froh, daß der Pfarrer gegen das Auswandern nichts einzuwenden hatte.

Die Zahl derer, die übers Meer zogen, um der Tyrannei der Edelleute, der List der Werber und der allgemeinen Volksnot zu entfliehen, war zu jener Zeit sehr groß. Es waren nicht die schlechtesten Leute, die die Gefahren einer solchen Reise und die Mühseligkeiten des neuen Anbaues nicht scheuten, um nur freie Männer zu werden und das Stückchen Land unter ihren Füßen ihr Eigentum nennen zu dürfen.

Mit gutem Rat und reichlicher Reisekost versehen, schied der Wanderer endlich von den Pfarrersleuten, ihnen tausendmal Gottes Segen wünschend. Wüst, elend und zerrissen hatte er die Stadt betreten; schmuck und sauber verließ er sie im redlich erworbenen neuen Anzug, ein leichtes Bündel auf dem Rücken mit mancher Gabe aus dem Leinenschrank der Pfarrerin.

Das Land lachte in Frühlingspracht wie vor sechs Jahren, als er mit Joseph ausgezogen; er selbst aber war anders geworden, und der frische, leichte Mut wollte nicht wiederkehren. Einsam zog er seine Straße, wich jedem aus und suchte in der Nachtherberge schnell sein Lager auf, ohne sich in die lustige Gesellschaft in der Wirtsstube zu mischen. Ach, auch in Bayern gab es ja Werber, wenn sie auch nicht ganz so frech waren wie die preußischen. In jedem stattlichen Manne, der ihn etwa anredete, vermutete er seinen solchen, und machte oft weite Umwege, um ihm ja nicht wieder zu begegnen.

In den heimatlichen Bergen fühlte er sich ein wenig sicherer; sie umstanden ihn wie eine Schutzmauer und grüßten ihn wie alte Jugendfreunde. Aber nun überfiel ihn die Angst, ob und wie er wohl Ännchen wiederfinden werde. Sie war ein so liebliches Kind gewesen, als er sie verließ; wie schön mochte sie nun geworden sein! Andere würden das auch gesehen haben! Dieser Gedanke fuhr ihm oft wie ein Stich durch Herz.

In tiefes Sinnen versunken, wanderte er eines Tages über eine Hochebene und war seines Weges nicht ganz sicher. Die Gegend war ihm unbekannt, und doch konnte es nicht mehr weit sein zum Steinhof. Er mußte wohl einen falschen Fußpfad eingeschlagen haben und sah in der Ferne ein Dörfchen liegen. Er schritt darauf zu und fragte am Wege spielende Kinder nach seinem Namen. „Windeck heißt’s“, war die Antwort. „Windeck!“ Das war der Name, den ihm Tobi gesagt beim letzten Abschied von der Talmühle! Dort drüben lag wohl die wüste, mit Felsbrocken besäte Fläche, die er vom steilen Seeufer aus gesehen. Ja, jetzt entdeckte er auch das einsame, von Bäumen umgebene Haus, nach dem seine scharfen Kinderaugen oft sehnsüchtig hinübergeschaut. Schnell war sein Entschluß gefaßt. Nicht den Steinhof wollte er zuerst aufsuchen, sondern die verfallene Mühle, an die sich so reiche Erinnerungen knüpften.