„O weh“, dachte Friedel, als er davon hörte, „nun geht’s wieder nordwärts!“ Ehe aber noch der Befehl dazu gegeben wurde, sah sich die Truppe, in der die Freunde standen, plötzlich einer Schar von Feinden gegenüber. Es entspann sich ein kurzer, aber heftiger Kampf. Bald zogen sich die Österreicher zurück; Friedel aber kniete bei seinem Johannes, dem eine Kugel die Brust durchbohrt hatte. Noch atmete er; ein seliges Lächeln schwebte auf den erbleichenden Lippen. Schluchzend küßte Friedel die hohe, kalte Stirn und rief ihm zu: „Leb’ wohl, Herzensfreund! Gott vergelte dir deine Liebe und Treue!“ Dann war es vorüber. Seine Sehnsucht war erfüllt; er stand anbetend vor Gottes Thron mit seiner Luise!

Nun war das einzige Band zerrissen, das den Jüngling an das Heer geknüpft. Was ging ihn der König und seine Kriege an? War er doch kein Preuße! Aber für jetzt lähmte die Trauer um Johannes seine Kraft; auch war die Gegend der Flucht nicht günstig.

Einige Tage später marschierte sein Regiment in der Abenddämmerung am Waldesrand. Die Ordnung konnte nicht streng aufrechtgehalten werden; matt und hungrig blieben viele zurück, auch Kranke und Verwundete gab es genug. Friedel befand sich bei der Nachhut. Da fielen plötzlich Schüsse aus dem Waldesdunkel; bewaffnete Bauern hatten sich darin versteckt. Mehr als ein Kriegsmann lag schwer getroffen am Boden; auch Friedel fühlte einen heftigen Stoß gegen die Brust und stürzte betäubt ins hohe Waldgras. Als er erwachte, war’s finstere Nacht. War er wohl verwundet? Schmerzen hatte er nicht, fühlte auch kein Blut; nur waren ihm die Glieder steif von dem kalten, feuchten Lager. Als alles totenstill blieb, erhob er sich und merkte, daß er ganz allein war. Im Brotbeutel fand sich zum Glück noch eine harte Rinde, die ihm den nagenden Hunger stillte, und bald dämmerte der Morgen. Im matten Lichtschimmer sah er hie und da einen Kameraden tot liegen. Ihn selbst hatte Gottes Hand wunderbar bewahrt. Vorn im Waffenrock war ein rundes Loch; und als er ihn öffnete, sah er, daß das kleine uralte Gesangbüchlein des Großvaters, das er erst am Abend in den Busen gesteckt, weil’s im Tornister keinen Raum fand, ihn vom sicheren Tode gerettet hatte. Eine Kugel hatte den dicken Ledereinband durchbohrt, war aber in den Blättern stecken geblieben. Auf den Knien dankte er Gott für sein junges Leben, das ihm doch noch so lieb und kostbar war. In demselben Augenblick erhob sich die Sonne am östlichen Himmel.

Nun galt’s keine Zeit zu verlieren. Seinen Fluchtplan hatte er schon längst im Kopfe. Er wußte, daß er, wenn es ihm gelang, das im Westen sich hinstreckende Gebirge zu übersteigen, die bayrische Grenze und die Stadt Passau leicht erreichen konnte. Johannes hatte es auch gesagt. Aber wehe ihm, wenn er sich in preußischer Uniform allein durch böhmische Dörfer wagen würde! Als er nun tiefer in den Wald drang, um seinen Durst an den reichlich wachsenden Brombeeren zu stillen, lag da vor seinen Füßen der tote Körper eines der tückischen Bauern, die gestern abend aus dem Hinterhalt geschossen hatten. Eine preußische Kugel hatte ihm die Stirn zerschmettert; die grobe Kleidung war unversehrt, auch nirgends mit Blut befleckt. Ein grausig Geschäft war’s für den guten Jungen, den starren Leichnam auszuziehen und sich selbst den groben Kittel, die Lederhosen und plumpen Schuhe anzulegen. Er tat’s mit zitternden Händen; aber es mußte ja sein! Im Hosensack fand sich ein Beutelchen mit etwas Geld; viel war’s nicht, aber doch ein Schatz für den Einsamen. Fast noch lieber war ihm ein dickes Stück Schwarzbrot, das im Kittel stak. Den Zopf schnitt er sich mit seinem Messer ab; wirr und struppig war das Haar schon von selbst. Nun verbarg er Uniform und Waffen in dichtem Gestrüpp; nur das Gesangbuch, das Tüchlein und den Ring für Ännchen und seinen hölzernen Becher nahm er mit. Blindlings, ohne Weg und Steg, drang er in den Wald hinein, immer bergauf, ohne einem Menschen zu begegnen. Mit dem kostbaren Brot ging er sparsam um; gab’s doch im Walde so manches, das den Hunger stillte, besonders jetzt in der Herbstzeit. Beeren, Nüsse und Pilze genug, auch eßbare Wurzeln, die ihn Tobi vor Jahren kennen gelehrt.

Gegen Abend stand er auf freier Bergeshöhe, nachdem er den ganzen Tag keinem Menschen begegnet. Es war ein schwach bevölkerter Landstrich; dichter Wald ringsum, nur in der Ferne hie und da ein Dörfchen oder vereinzelte Höfe. Trotz der Trauer um den Freund, trotz der ungewissen Zukunft schwoll dem Jüngling das Herz vor Freude und Hoffnung. Er breitete die Arme aus, als wolle er die ganze Welt umfassen, tat einen gewaltigen Luftsprung und rief: „Gottlob! Ich bin frei! frei! frei!“

8. Die alte Heimat.

Es war ein rauher, stürmischer Herbstabend. Wild flogen die schwarzen Wolken über den Himmel und sandten eiskalten, mit Schneeflocken vermischten Regen auf die Erde nieder. In den Gassen der Stadt Passau war’s still und öde; wer nicht hinaus mußte, blieb heute gewiß im traulichen Stübchen. Auch der gute alte Pfarrer, der dem Friedel vor sechs Jahren so freundlich geraten und geholfen, saß in der warmen Ecke hinter dem Kachelofen, behaglich sein Pfeifchen rauchend. Das dicke Buch, in dem er gelesen, hatte er weggelegt und plauderte mit seiner spinnenden Frau. Da trat die junge Magd herein und sprach ängstlich:

„Herr Pfarrer, draußen steht ein wüster Gesell, arg zerrissen, bleich, mit funkelnden Augen und wirrem Haar. Ich reichte ihm ein Stück Brot; da sagte er, er sei krank und möge nicht essen. Aber mit Euch müsse er sprechen; sonst ginge es schlimm!“

„Der arme Mensch! Bei diesem Wetter draußen und noch krank dazu!“ erwiderte der gute Mann. „Bring’ ihn nur gleich herein.“

Zögernd gehorchte die Magd; blieb aber dicht vor der Tür stehen, um gleich beispringen zu können, falls der wilde Gesell Böses im Schilde führte gegen ihre liebe alte Herrschaft. Der aber blieb auf der Schwelle stehen, um den sauberen Fußboden nicht zu beschmutzen, und begann mit matter, heiserer Stimme: „Herr Pfarrer, gelt, Ihr kennt mich nimmer? Ach, vor sechs Jahren sah ich wohl schmucker aus! Ich bin ja der Salzburger, dem Ihr damals so freundlich beistandet. Ach, ich möcht’ heim und kann doch nicht! Geschafft hab’ ich wacker, wo ich konnte; aber ’s geht nicht mehr. Mir ist so angst; ich bin voller Schmerzen. Ach, laßt mich nicht auf der Straße sterben!“