„Sag’ mir’s immerhin; zeig’ mir’s ganz genau!“
Johannes zögerte und sah dem Freunde forschend in die Augen. Feste Entschlossenheit sprach aus ihnen. Friedel war ein Mann geworden in diesen letzten Jahren. Wer weiß, ob ihm Gott nicht den kühnen Plan gelingen lassen würde!
„Nun wohl!“ sprach er. „Am sichersten wäre es, du reistest durch die Gebirgsländer bis Basel. Sieh, hier ist es! Von dort könntest du wohl als Schiffsknecht den ganzen Rhein herunterfahren bis nach Rotterdam. Dann über die Nordsee bis nach England. So sind auch deine Glaubensgenossen damals gereist.“
„Und du willst nicht mit?“
„Wer weiß, wie bald uns beide die tödliche Kugel trifft!“
Unzähligemal machte Friedels Finger die große, gefährliche Fahrt bis über den Ozean nach dem Staate Georgia. O, er war erstaunlich klug geworden in diesen schweren Jahren! Wie würde sich Ännchen darüber verwundern! Schade, daß er auf den schönen langen Brief, den er geschrieben, gar keine Antwort erhalten hatte. Ännchen allein brachte ja keinen Brief fertig. Und der Franzl? Ach, der verachtete ihn vielleicht, weil er Soldat war! Ein wenig stolz war er ja immer gewesen.
Endlich hieß es: „Hinaus ins Feld!“ Schwerbepackt mit Tornister, Waffen und allerlei Gerät ging’s in strengen Märschen durch Preußen und Sachsen nach Böhmen zu. Wer gesund und stark war, hatte gutes Leben; denn in Dorf und Stadt mußte am Rasttag oder beim Nachtquartier aufgetragen werden, was Küche und Keller nur vermochten. Dazu kam, daß die Offiziere jetzt weit weniger grimmig waren. Das Beispiel des Königs und seiner Generäle hatte schon gut gewirkt, und durch gemeinschaftlich getragene Beschwerden verbinden sich die Herzen. Endlich überschritt das Heer die böhmische Grenze und drang weiter und weiter vor. Zu einer offenen Feldschlacht mit den Österreichern kam es nicht, nur zu kleineren Gefechten.
O wie graute es den Freunden vor dem Kampfgewühl! Wie entsetzlich war besonders für den sanften Johannes der Gedanke, daß die Kugel, die er abschoß, vielleicht ein junges Leben vernichten werde! Bald aber mußten sie sich daran gewöhnen. Setzten sie doch auch täglich ihr Leben ein.
Schnell ward die Stadt Prag erreicht und belagert. Auf dem ganzen Zuge waren die Freunde Seite an Seite marschiert; oft hatte Friedel noch ein Gepäckstück für Johannes getragen, den die Anstrengungen weit mehr ermüdeten als ihn. Lagerte man im Freien, so ruhten sie dicht beisammen, beteten oft miteinander und befahlen ihre Seelen in Gottes Hand. Prag übergab sich den Preußen nach kurzer Beschießung; dann ging es weiter nach Süden, den Fluß Moldau entlang.
Kleine Gefechte, Krankheit und auch Fahnenflucht lichteten die Reihen des Heeres. Bei Nachtmärschen, in Wäldern oder Gebirgsgegenden entwich mancher unbemerkt auf Nimmerwiedersehen. Auch Friedel hatte es schon oft in den Füßen gezuckt, sich still davon zu machen; nur die Liebe zu Johannes hielt ihn davon ab. Hatte man im Anfang des Feldzugs Speise und Trank in Fülle gehabt, so fehlte es jetzt oft sehr daran. Die Böhmen waren von grimmigem Haß gegen die preußischen „Ketzer“ erfüllt, versteckten das Korn vor ihnen und trieben das Vieh in die dichten Wälder. Da gab’s oft schmale Bissen, und Johannes würde es kaum ausgehalten haben, wenn der kerngesunde Freund ihm nicht oft die Hälfte seines Anteils aufgezwungen hätte. Der König fühlte wohl, daß es hier keinen andern Ausweg gab als einen ehrenvollen Rückzug.