Auch an Freude und Kurzweil fehlte es nicht ganz. Gar fleißig ward der Gesang geübt; nicht nur im Kirchlein, auch in Feld und Garten erklangen die herrlichen Lieder zu Gottes Ehre. Nach treu getaner Arbeit konnte Friedel mit der Flinte durch den Wald streifen und manch guten Wildbraten heimbringen, ohne eines Edelmannes Rache fürchten zu müssen. Gern saß er am Feierabend oberhalb der Mühle am klaren Wasser, und manch silbernes Fischlein blieb an seiner Angel hängen. In solchen Stunden flogen seine Gedanken gar oft zurück ins alte Vaterland, in die Talmühle, zu des Großvaters Hütte, ach, auch an die einsame, öde Stätte, wo er bei der Leiche seines Johannes gekniet!

Ein halbes Jahr mochten sie wohl in Eben-Ezer sein, als ein Brief vom Steinhofe ihnen die Kunde von Franzls seligem Tode brachte. Sein letztes Gebet war das Verslein gewesen, das ihm Friedel einst aufschreiben mußte, nachdem Frau Marie gestorben war. Albrecht schrieb, er rüste nun mit den Seinen zur Wanderung nach Augsburg.

So weilten nun alle, an denen Friedels und Ännchens Herzen gehangen, nicht mehr in der alten, sondern in der himmlischen Heimat!

Aber in der neuen irdischen Heimat ward es bald lebendig. Ein munterer kleiner Bube, der den Namen Johannes erhielt, strampelte in der Wiege, die Friedel selbst gemacht. Pate Rudi durfte sich noch an ihm erfreuen und meinte, er werde groß und stark werden wie sein Vater. „Mag er immerhin wachsen“, sprach der glückliche Vater; „hier fängt ihn kein Werber! Aber was Rechtes lernen soll er in unserer lieben Schule, mehr und besser als ich, um, will’s Gott, vielleicht selbst ein Lehrer zu werden.“

Der kleine Johannes war wirklich ein kluges Kind, dazu frisch, kräftig und überaus liebreich, so daß er das zarte Schwesterlein, das ihn aus der Wiege und vom Schoß der Mutter verdrängte, mit großer Freude begrüßte. Es ward Marie genannt und war vom ersten Tage an Tobis Liebling.

Nun hatte Ännchen vollends keine Zeit mehr, darüber nachzudenken, ob die alte oder die neue Heimat schöner sei. Geschäftig und freundlich war sie immer, und ihr liebliches Antlitz strahlte in stillem Glück.

Einmal aber fand Friedel sie an der Wiege des Kindes sitzend, in tiefes Sinnen versunken, mit Tränen in den Augen.

„Was bekümmert dich?“ fragte er. „Hat dir jemand ein Leid getan?“

„O nein! Ich gedachte nur der verlassenen Gräber im heimatlichen Tale. Kein Mensch wird ihnen mehr nahen; kein Blümlein wird mehr darauf gelegt werden. Vielleicht sind sie schon eingesunken und nicht mehr zu erkennen.“

„Aber der Himmelsherr wird sie finden“, erwiderte Friedel. „Wenn die letzte Posaune ertönt, wird er auch die Geliebten erwecken und uns mit ihnen vereinen auf ewig!“