„Hier bring’ ich Euch meine Gäste“, sprach der Ansiedler, „damit Ihr doch gleich den jüngsten, aber auch den stattlichsten der neuen Ankömmlinge kennen lernt.“

Aber was war das? Der Gast hatte dem Greise eine Weile ins Antlitz gesehen; nun fiel er plötzlich vor ihm nieder und barg, vor Erregung zitternd, den Kopf in seinen Schoß.

„Pate Rudi“, rief er, „o lieber, guter Pate Rudi; ich bin ja dein kleiner Friedel! Im Preußenland wollte ich dich suchen und finde dich nun in Amerika!“

Die Freude des ehrwürdigen Alten war ungemein groß; er liebkoste den hochgewachsenen Mann, als sei er noch ein kleiner Knabe von ehemals, und schloß die junge Frau, die ihm zärtlich die Hand küßte, gleich in sein liebreiches Herz. Nun begann ein Fragen und Erzählen, das schier kein Ende nehmen wollte! Freilich war’s nicht nur Erfreuliches, was sie einander zu berichten hatten. Rudi war tief ergriffen, als er von dem schnellen, einsamen Tode seines alten Andreas hörte. Friedel aber fragte vergebens nach der treuen Magd Zenzi, die so schöne Märlein erzählt hatte. Sie war auf der Seereise gestorben und harrte in der Tiefe des Meeres ihrer Auferstehung.

Indessen war auch Gundel, Rudis verheiratete Tochter, hinzugetreten und mahnte den Vater, daß es hohe Zeit für ihn sei, zur Ruhe zu gehen. „Du hast recht!“ sagte der freundliche Greis. „Laß mich nur meinem großen Patenkind noch schnell sagen, wie es kam, daß ich, statt nach Preußen, übers weite Meer gezogen bin. In den langen Winterabenden wollen wir uns dann nach Herzenslust alle unsere Schicksale erzählen. Du weißt wohl noch, Friedel, wie krank und matt ich war, als wir die traute Heimat verlassen mußten. Als wir nach Augsburg kamen, glaubte ich mein Ende nahe und lag lange danieder bei gastfreien Glaubensgenossen. Als ich unter ihrer treuen Pflege endlich doch genas, waren die meisten der Gefährten längst weitergezogen, außer einer kleinen Schar, die sich entschlossen hatte, übers Meer zu ziehen. Mein Schwiegersohn gehörte mit Weib und Kind dazu, und Gott stärkte mich wunderbar, daß auch ich die weite, beschwerliche Reise unternehmen konnte. Hier hab’ ich noch jahrelang rüstig schaffen dürfen, aber nun ist’s vorbei. Ich kann nur noch ein wenig guten Rat geben und das kleine Volk hüten. Du aber, mein Sohn, bist jung und stark, und das ist gut. Denn hier gilt’s alle Kraft dransetzen und so recht im Schweiße des Angesichts sein Brot essen.“

Die Wahrheit dieser Worte erfuhr der junge Ansiedler in reichem Maße; aber auf eigenem Grund und Boden zu arbeiten ist für den rechten Mann eine Lust. Sehr hatte man sich gefreut, daß er ein gelernter Müller war, da notwendig eine zweite Mühle gebaut werden mußte. Ehe der Winter kam, stand sie schmuck und fertig da mit nettem angebauten Wohnhäuschen, von Garten umgeben. Weiter draußen war das Ackerland, das Tobi mit großem Eifer zurichtete, damit es im Frühjahr bepflanzt und besät werden konnte.

Dieser treue Knecht war im fremden Lande sogleich daheim gewesen. Schon auf dem Schiffe hatte er als Krankenpfleger, Kinderwärter, Koch und Flickschneider Wunderbares geleistet und die Herzen der Gefährten im Sturm erobert. Hier wohnte er zwar in der Mühle, half dem Friedel wacker und schaffte frühmorgens, wenn noch alles schlief, im Garten, um es Ännchen zu erleichtern. Dennoch ward er bald der Freund und Vertraute der ganzen Niederlassung. Wo Not einkehrte, rief man den Tobi herbei. Und wenn er aufs Feld oder in den Wald ging, lief immer ein Häuflein Kinder hinter ihm her, denn sie hingen an ihm wie die Kletten.

Daß die Mühle ein wenig abseits von den übrigen Wohnungen lag, war allen lieb und recht; besonders freute sich Ännchen darüber, da sie stets einen Hang zu Stille und Einsamkeit behielt. Während Friedel bald lebhaften Anteil an dem Wohl und Wehe der kleinen Gemeinde nahm und gern mit den wackeren Männern verkehrte, verließ Ännchen nur selten ihr trauliches Heim, das sie so schmuck und sauber hielt wie nur möglich. Aber wenn die Töne des großen Hornes erschallten, das zum Gottesdienst rief (eine Glocke besaß man noch nicht), dann ließen beide alle Arbeit stehen und eilten dem lieben Kirchlein zu.

O wie herrlich war es, Gottes Wort so reichlich hören und so wohl lernen zu dürfen! Jetzt erst merkten sie, wie gering ihre Erkenntnis noch war. Heller und immer heller erleuchtete die himmlische Wahrheit ihre Seelen, und ihr Glaube ward fest und stark. Auch lernten sie jetzt erst den Segen christlicher Gemeinschaft kennen. Hatten sie doch bisher so allein gestanden!