Während es nun oben gar hoch herging, war’s im Steinhofe still und feierlich. Im Auszugstübchen knieten die drei Auswanderer um Franzls Bett, und er segnete sie und betete inbrünstig mit ihnen um Schutz und Hilfe auf der gefahrvollen Reise. Lange ruhte seine welke Hand auf Ännchens blondem Haupt, und große Tränen rollten ihm dabei über die eingefallenen Wangen. Er liebte die junge Braut wie sein eigen Kind. Auch von Albrecht und seiner Familie gab’s einen schweren Abschied. Peter hatte sich hinaus aufs Feld gemacht ohne ein Wort des Lebewohls.

Bald darauf fuhr ein schmuckes Bauernwäglein durchs stille Tal; Friedel, Ännchen und Tobi saßen darin, umgeben von inhaltreichen Bündeln. Unzähligemal schauten sie zurück nach dem Hofe, bis er endlich ihren Blicken entschwand. So mühselig und reich an Beschwerden Friedels frühere Wanderungen gewesen waren, so ruhig und sicher ging die Reise nach Basel vonstatten. Schon nach einigen Tagen fanden sie eine evangelische Kirche, wo der freundliche Pfarrer dem Friedel sein Ännchen antraute. In schlichten Reisekleidern standen sie vor dem Altar; doch hatte Tobi aus taufrischen Wiesenblumen ein Brautkränzlein für Ännchen gewunden.

In Basel bestiegen sie ein Rheinschiff und fuhren den herrlichen Strom hinab. Die beiden Männer verdienten ihre Fahrt als Schiffsknechte, um mit Franzls Geschenk sparsam umzugehen. Ännchen nähte und strickte gar emsig oder schaute verwundert in die große, weite, schöne Welt hinaus, von der sie bisher nur so wenig gesehen.

Aber so recht wohl ward dem Friedel erst, als sie in Rotterdam ein Seeschiff bestiegen hatten und das Land mehr und mehr ihren Blicken entschwand. Jubelnd drückte er Ännchen ans Herz und rief: „Nun bist du erst recht mein; nun kann mich kein Werber mehr von dir reißen!“

Gott fügte es, daß sie auf diesem Schiffe einen erfahrenen, wohlmeinenden Mann kennen lernten, der sich ihrer annahm und sie dem Herrn des Auswandererschiffes empfahl. Sehr groß war ihre Freude, als sie unter den Mitreisenden eine kleine Anzahl Landsleute fanden, die mit ihnen das gleiche Ziel hatten. –

Die Salzburger, welche vor Jahren nach der Vertreibung aus ihrer Heimat nach Amerika ausgewandert waren, hatten im Staate Georgia, nicht weit von der Stadt Savannah, eine Ansiedlung gegründet, der sie den Namen Eben-Ezer, d. h. Stein der Hilfe, gaben. Die an Beschwerden so reiche Zeit des ersten Anbaues war nun überstanden; freundliche Hütten waren aufgebaut, Gärten grünten und blühten, und die Felder trugen mancherlei Getreide. Mitten drin, von jedem leicht zu erreichen, erhob sich ein schmuckes Gotteshaus, Jerusalemskirche genannt. Zwar stand das Land unter englischer Regierung, doch genossen die Ansiedler, solange sie sich friedlich und ehrbar hielten, die vollste Freiheit; besonders hinderte sie niemand daran, ihres Glaubens zu leben.

Heute, an einem heiteren Spätsommertage herrschte große freudige Aufregung unter jung und alt. Es war Nachricht gekommen, daß ein im Hafen von Charleston eingelaufenes Schiff wieder eine Anzahl aus Salzburg stammender Einwanderer gebracht habe. Diese erwartete man nun mit Freuden, und jeder wollte gern die neuen Brüder herbergen und erquicken. Jetzt zeigten sich in der Ferne Staubwolken, als nahten sich mehrere Wagen. Zum feierlichen Zug geordnet, ging die Gemeinde den Fremden entgegen und stimmte, sobald die Wagen näher kamen, den schönen Gesang an: „Lobe den HErren, den mächtigen König der Ehren!“ Bei den Worten: „Der dich auf Adelers Fittigen sicher geführet“, hielt der erste Wagen an. Ein schöner, hochgewachsener junger Mann sprang, kräftig in das Lied einstimmend, herunter und half seiner zarten, lieblichen Frau sorglich beim Absteigen, während ein seltsames verwachsenes Männlein die Pferde hielt. Nach und nach kamen auch die andern heran. In ernster, freundlicher Rede begrüßte sie der Pfarrer; dann aber ging’s an ein frohes Begrüßen und Händedrücken, bis die Gäste verteilt waren und von ihren Wirten heimgeführt wurden.

Bald saßen Friedel und Ännchen in der sauberen Hütte eines älteren Ehepaares und wurden mit dem Besten erquickt, was man nur aufzutragen hatte.

„Würdest du wohl“, sprach der Wirt nach der Mahlzeit, „noch einen kleinen Ausgang machen, ehe ihr die Ruhe sucht? Ich möchte euch unserm Ältesten vorstellen. Er freut sich innig, daß wir wieder Zuwachs erhalten; doch hindert ihn sein hohes Alter, an der Begrüßung teilzunehmen.“

Sogleich begab man sich auf den Weg, der zwischen wohlgepflegten Gärten hinführte, und erreichte bald das nette Häuschen des Ältesten. Um den milden Sommerabend zu genießen, saß er auf der Bank vor der Tür. Er war ein sehr alter Mann mit weißem Haar und Bart, aber ungemein frischen, heiteren blauen Augen. Einige hübsche Kinder, wohl seine Enkel, spielten um ihn her.