Auch für Dietrich, den braven Retter, hätte man gern eine schöne Kammer und ein weiches Bett hergerichtet, wenn er's nur gelitten hätte. Aber ihn zog's zu dem schmucken Rößlein, das den neuen Pfarrer in das entfernte Dorf, das zu seinem Amtskreis gehörte, tragen sollte. Wieder einmal im Stall zu schlafen, was er als Knabe so gern getan, gefiel ihm gar zu wohl! Einen Schuppen daneben richtete er sich als Wohngemach und Werkstatt ein, und fühlte sich sehr behaglich darin, da ihn der etwas wüste Raum an den geliebten Burgstall seiner Kindheit erinnerte. Dort betrieb er alle die Handwerke und Künste, die er in seiner unsteten Jugend gelernt, und die Bauern ließen sich's gern gefallen, daß im Pfarrhof nicht nur für die Seelen gesorgt, sondern auch zerbrochenes Werkzeug geflickt, stumpfe Messer geschliffen, krankes Vieh geheilt, ja selbst manches gute Tränklein für leidende Menschen gebraut wurde, ohne daß es einen Heller kostete.
Am liebsten aber hatten ihn die Buben! Durch dick und dünn kamen sie gelaufen, um, an dem kleinen Feuerherd hockend, den er sich gebaut, Dietrichs Erzählungen zu lauschen. Da schwärmte er ihnen vor von dem freien, wilden Leben, das er als kleiner Junge auf der Burg geführt, von den tollkühnen Ritten, die er mit den Knechten getan, von allerlei Gefahr und Abenteuer, das er erlebt. Aber das Allerbeste war doch die Geschichte von der Klosterschule. Gar zu gern hörten die Kinder, wie's dort zugegangen war, und mancher fuhr mit dem Aermel über die nassen Augen, wenn der riesenstarke Mann so zärtlich, ja so ehrfurchtsvoll schilderte, welch frommer, fleißiger Knabe der Herr Pfarrer gewesen, und wie treu er sich des Wildlings angenommen. Freilich waren diese prächtigen Geschichten nicht für alle zu haben. Wer in der Kinderlehre seinen Spruch oder seine Katechismusfrage nicht gewußt hatte, der kam gewiß nicht an Dietrichs Tür; er wäre doch fortgejagt worden, noch dazu mit einer Kopfnuß begabt. Für recht fleißige Schüler gab's dagegen Belohnungen, selbstgemachte Bälle, hölzerne Schwerter, Fähnlein oder dergleichen Dinge, die jedem Knaben willkommen sind.
Als aber der Frühling ins Land zog, ward das alles anders. Er brachte dies Jahr wohl Blümlein, grünende Wiesen und sprossende Felder, aber man konnte sich seiner nicht recht freuen. Trauer und Sorge erfüllte die Herzen; der Pfarrer mahnte ernstlich zur Buße und zum geduldigen Tragen des Kreuzes, das Gott senden werde. Den Tag über schaffte Dietrich mit gewaltigem Eifer und viel Geschick im Pfarrgarten, am Feierabend aber verschwand er in seiner Burg, wie er seine Wohnung nannte. Kein neugieriger Bube wagte, die Tür zu öffnen; es wäre ihm auch übel bekommen. Doch flüsterten sie untereinander, drinnen werde allerlei altes Gewaffen ausgebessert und geschliffen, denn es werde wohl Krieg geben.
Wie eine schwere Gewitterwolke, die sich jeden Augenblick entladen kann, um Tod und Verderben über das Land auszuschütten, hing die Kriegsgefahr über den evangelischen Ländern. Den großen Mann aber, der am brünstigsten um Abwendung der Gefahr betete, hatte Gott vor dem Unglück zu sich ins Reich des ewigen Friedens genommen. Mit Windeseile verbreitete sich die Trauerbotschaft weit und breit, daß Doktor Luther am 18. Februar in seiner Geburtsstadt Eisleben sanft und selig entschlafen sei. Um Frieden zu stiften zwischen den Grafen von Mansfeld, hatte er, schon matt und leidend, im kalten Winter die Reise unternommen, nun hatten die Engel seine Seele emporgetragen zum ewigen Frieden. Groß war der Schrecken und Jammer in ganz Deutschland! In feierlichem, immer mehr wachsendem Trauerzug ward die Leiche nach Wittenberg gebracht und einige Tage lang in der Schloßkirche aufgestellt. Bitterlich weinend kniete Frau Käthe mit ihren Kindern am Sarge des treuen, liebreichen Gatten und Vaters. Von nah und fern kamen viele, um noch einen Blick auf das edle Antlitz des entschlafenen Helden zu werfen.
Auch Herr Burkhardt machte sich eilend auf den Weg, und neben ihm im schnellen Wäglein saß Thomas, beide trauernd um den großen, gewaltigen Mann. Anna schaute ihnen vom Fenster aus nach, bis der Wagen zwischen Waldbäumen verschwand. Dann erhob sie den Blick zum Himmel, der heute freundlich und blau erglänzte wie in Frühlingsahnung. Sie sah im Geist die Engel Gottes die erlöste Seele des Helden ins Paradies einführen. Sie sah ihn knieen vor dem Thron des Lammes, dessen Namen er hienieden gepredigt. Sie sah, wie er sich, geschmückt mit der Krone der Ehren, unter die Schar der Seligen mischte.
In dieser Schar aber erblickte sie einen, um den sie gar oft noch im stillen weinte. O, könnte sie doch einmal an seinem verlassenen Grabe knieen, nur einmal ein Kränzlein darauf legen und Tränen der Liebe und Treue darauf weinen! Aber er war ja selig! Von seinen Augen waren alle Tränen abgewischt! Ob er wohl den kennen würde, der jetzt ins Himmelreich einzog? Ob er sich seines Anblicks freuen würde? —
War's nicht seltsam, daß er lebte, selig lebte, und doch von seinem geliebten Kinde gar nichts wußte? Daß es so war, bezweifelte Anna nicht; hatte es doch Thomas gesagt, der so viel, viel klüger war als sie! Aber begreifen konnte sie es nicht. Es wäre so schön gewesen, zu wissen, daß er sich ihres Glückes freue!
Aber wie? Schauten nicht die Männer und auch ihr lieber Thomas mit Bangen in die Zukunft? Ach, wie bald konnte aller Frieden, alle harmlose Freude dieses irdischen Lebens sich in Angst und Herzeleid verwandeln! Ja, da war's besser, daß die seligen Ueberwinder droben im Himmel nichts wußten von den Mühsalen und Aengsten der Kämpfer auf der armen Erde!
Mit dem Frühling des Jahres 1546 begann die Trübsal. Es war nun kein Geheimnis mehr, daß Kaiser und Papst sich zur Unterdrückung der Protestanten verbunden hatten. Daß die katholischen Fürsten dem Kaiser ihre Hilfe anboten, verstand sich von selbst. Wer aber hätte geglaubt, daß ein protestantischer, ja ein sächsischer Fürst sich mit dem Feinde verbinden würde? Und doch geschah es! Dem jungen, klugen, tapferen Herzog Moritz von Sachsen lag mehr an weltlicher Macht als an seinem Glauben. Er hatte sich dem Schmalkaldischen Bunde nicht angeschlossen. Der Kaiser kannte seinen Ehrgeiz gar wohl, als er ihm das Kurfürstentum versprach, wenn er sich mit ihm verbände. Er tat es zum großen Jammer des Volkes und des frommen Kurfürsten Johann Friedrich, der ja freilich kein Kriegsheld war.
Aber noch herrschte Frieden im Sachsenland; der Kampf wütete zuerst in Süddeutschland, wo der wackere Feldhauptmann Schärtlin die evangelischen Scharen schnell von einem Sieg zum andern führte. Indessen hatte der Papst den Kurfürsten Johann Friedrich und den Landgrafen Philipp von Hessen in die Reichsacht erklärt, und nun zogen sie mit ansehnlichen Heereshaufen gegen ihn ins Feld. Von großen stehenden Heeren wußte man damals noch nichts; erst wenn der Feind das Land bedrohte, und die Werbetrommel erklang, sammelten sich Männer und Jünglinge um die Fahnen des Fürsten. Auch aus Magdeburg zog eine stattliche Schar Gewaffneter zum Heere des frommen Kurfürsten.