Dietrich war eine Zeitlang still und nachdenklich seines Weges gegangen und hatte Thomas oft mit fragendem Blick angesehen. Eines Tages aber fand ihn dieser in seinem Studierstüblein und zwar lesend. Das war etwas sehr Seltenes! So gern er auch Gottes Wort hörte, ja sogar mit den Kindern den Katechismus lernte, so bestand doch zwischen ihm und den Büchern eine angeborene Feindschaft. Heute aber studierte er eifrig eins der kleinen Büchlein Doktor Luthers, mit dem harten Finger von einem Wort aufs andere zeigend.

»Ei, Dietrich! Willst du ein Gelehrter werden?« fragte Thomas lächelnd.

»Nein; aber 's liegt mir was auf dem Herzen, was ich dir nicht sagen wollt'. Darum hab' ich mir dies Büchlein gesucht, von dem du letzthin sprachst, und bin, Gott sei Dank! bald durch. 's ist heiße Arbeit!«

»Und was hast du draus gelernt?«

»Wart' nur; ich bin gleich fertig. — So!« schloß er, das Büchlein dem Freunde hinreichend. »Ich weiß nun, daß auch Kriegsleut' in gottseligem Stande sind, wenn sie dem Landesherrn in den Kampf folgen für eine ehrliche Sache.« Er schwieg eine Weile, fuhr sich mit der rauhen Hand über die Augen, reichte sie dann dem Freunde und sprach: »Leb' wohl, Thomas! Ich zieh zum Heer des Kurfürsten. 's wär' eine Schande, wenn ein starker Kerl wie ich daheim sitzen bliebe!«

Niemand hielt den Wackeren zurück; doch ward sein Sack mit guten Dingen und sein Beutel mit Geld gefüllt. Burkhardts Buben weinten ihm nach; Peter und Paul ballten die derben kleinen Fäuste und meinten, sie seien ja fast groß genug, könnten auch brav schießen. Warum wollte man sie wohl nicht mit lassen?

Noch einer machte sich ganz in der Stille davon, von dem's niemand gedacht hätte. Gottfried hatte seit Annas Brautstand Herrn Burkhardts Haus nur noch selten betreten, und dringende Arbeit als Entschuldigung angegeben. Freilich war seine Zeit wohl ausgefüllt, da er die rechte Hand seines Meisters war und die feinsten, mühsamsten Arbeiten ihm aufgetragen wurden. Ja, man sagte, er sei nicht ein Handwerker, sondern ein Künstler. Wäre er nur nicht allzu ernst und schwermütig gewesen! Warum zog er sich wohl von jeder harmlosen Freude zurück? War's nur der Kummer um die Mutter oder war's noch mehr?

Auf dem weiten Plan vor der Stadtmauer aber, wo sich Männer und Jünglinge im Waffenwerk übten, fand er sich jetzt fleißig ein, und — machte seine Sache herzlich schlecht! Von klein auf stillen, etwas schüchternen Sinnes, von der zärtlichen Mutter weich erzogen, den Frieden über alles liebend, paßte er zu nichts weniger, als zum Kriegsmann. Sein eigen Blut und Leben für den Glauben zu lassen war er ganz bereit, aber im Kampf einen Feind niederzustechen oder von ferne mit tödlicher Kugel zu durchbohren, das war ihm ein entsetzlicher Gedanke! Und doch rüstete er sich zum Streit, war aber nicht bei der frischen, mutigen Schar, die eines Tages auszog, um zu Johann Friedrichs Heer zu stoßen. Ach, er mußte doch erst den feinen Goldpokal, den der Herr Bürgermeister bei seinem Herrn bestellt, vollenden! Ein rechtes Kunstwerk sollte es werden, alles, was er bisher geleistet, übertreffend!

Und nun stand das herrliche Gefäß fertig da; ein kurzer Abschiedsbrief an den braven Meister war geschrieben, und in der Morgendämmerung verließ der Jüngling einsam die Stadt durch ein Nebenpförtlein, das ihm der Torwart öffnete. Es war Sommerszeit; die Felder reiften zur Ernte, die Wiesen grünten, die Blümlein dufteten, und die Vögel sangen lustig ihr Morgenlied.

Wehmütig durchwandelte der Jüngling diese schöne Gotteswelt. O wie bald würde dies alles vielleicht verwüstet sein, von den Hufen der Rosse zertreten, mit dem Blute der Erschlagenen getränkt! Warum zog er nicht die Landstraße, sondern machte einen weiten Umweg? O, er hatte noch einen Abschiedsgruß zu bestellen! Sich wieder und wieder bückend, sammelte er die schönsten Wiesenblumen, wand, auf einem Steine sitzend, ein Kränzlein daraus, schmückte es mit einem Silberfaden und befestigte ein feines Blättchen Papier daran. Dort drüben stand das Pfarrhaus des Leutpriesters; dort war das Fenster des Wohngemachs! Schon hatte es die Magd geöffnet.