Da flog ein Blumenkränzlein zu ihren Füßen mit etwas Geschriebenen, das sie nicht lesen konnte. Gedrucktes konnte sie schon ziemlich; die gute Frau lehrte es sie mit unendlicher Geduld! Sorgfältig legte sie das Kränzlein auf den Tisch. Solch kleine Liebeszeichen von Kindern oder Bedrängten waren nicht allzu selten. Freilich wurden sie sonst durch die Tür gereicht und nicht durchs Fenster geworfen, hatten auch nichts Geschriebenes bei sich.
Nicht allzulange danach setzten sich der Pfarrer und seine Frau an den Tisch, die Morgensuppe zu essen.
»Welch feines Kränzlein!« rief Anna erfreut. »Wer mag es so früh schon gebracht haben? Sieh, da steckt ja ein Zettel daran!«
Lächelnd begann sie zu lesen, ward aber bald ganz ernst:
»Es waren zwei frohe Kinder,
Die wuchsen zusammen groß. —
Der Sturm hat das Haus zerbrochen;
Sie wanderten heimatlos.
Dem Mägdlein baute die Liebe
Gar bald den eigenen Herd.
Der Knabe nur stand verlassen,
Zu sterben hat er begehrt.
Da hört er die Kriegsdrommete;
Der Feind den Glauben bedroht!
O Mägdlein, gönne dem Knaben
Den frohen Soldatentod!«
Helle Tränen standen in Annas Augen, als sie das Blättchen Thomas hinreichte und den Arm um seinen Hals schlang.
»Der arme, gute Junge«, sprach sie leise. »Nichts ahnte ich davon!«
»Und wenn du es geahnt hättest?« fragte Thomas, ihr ernst ins Auge blickend.