»So hätte ich ihm auch nicht helfen können«, erwiderte sie innig, »denn mein Herz gehörte dir, seit ich dem Kindesalter entwuchs.«

»Gott wird ihm helfen«, sprach Thomas zuversichtlich. »Laß uns nur treu und ernstlich für ihn beten.« —

Der Weg, den Gottfried zurücklegen mußte, ehe er hoffen durfte, mit einer Schar evangelischen Kriegsvolks zusammenzutreffen, war weit, und sein Gemüt unruhig und gedrückt. Oft mußte er ein wenig ruhen, und ließ seine Gedanken zurückschweifen in vergangene Tage. Seine Mutter! O wie oft gedachte er ihrer! Wie zärtlich hatte sie ihn geliebt, wie gern und eifrig hatte er ihr gedient, wie innig waren ihre Herzen verbunden gewesen, ehe sie in die Gewalt der kalten, grausamen Klosterleute geriet! O, wenn er zu ihr eilen könnte, sein müdes Haupt an ihre Brust zu legen und ihr alles zu klagen! Was denn? Ach, das wagte er sich selbst kaum zu gestehen. Es war ja längst vorüber; das holde Mägdlein, das ihm von Kind auf vertraut gewesen, ging ihn gar nichts mehr an. Es war ja das glückliche Weib eines braven, frommen Mannes! O, er gönnte beiden das Glück! Aber ach, er sehnte sich, einem Menschen, nur einem einzigen, die Wunde zu offenbaren, die in seinem Herzen brannte. Doch nein! Er wollte stark sein und tapfer! Wer weiß, wie nahe ihm die ewige Ruhe war, dort, wo kein Sehnen, kein Verlangen mehr ist, nichts als volles Genügen, Friede und Freude!

Ohne einzukehren, den Hunger nur mit dem Brot, das er mitgenommen, den Durst nur aus klaren Quellen stillend, wanderte er den ganzen Tag, und erreichte bei einbrechender Dämmerung ein nettes Städtchen. Da seine Barschaft reichlich war, bat er in der Herberge um ein besonderes Kämmerlein mit gutem Bett. Die Zeit, auf Stroh oder auf dem kalten Grund zu schlafen, würde ja bald genug kommen!

Auf der Bank vor der Tür sitzend plauderte er ein wenig mit dem Wirt. Der war zu jener Zeit eine gar mächtige Person, die es dem Gast recht behaglich, aber auch unerträglich zu machen verstand. Zuerst war die Kriegsgefahr Gegenstand des Gesprächs. Der Herr Wirt war kein Held und hatte große Angst vor des Kaisers spanischen Soldaten, von deren Habgier und Grausamkeit man Schreckliches erzählte.

»Und in solch gefährlichen Zeitläuften reist eine alte Frau allein mit einem Tölpel von Buben!« sprach der Wirt halblaut vor sich hin, war aber gar nicht böse, daß der Gast ihn verstanden hatte.

»Vielleicht sucht sie Zuflucht bei Gefreundten wegen der unruhigen Zeiten«, erwiderte Gottfried ruhig.

»Nein, nein!« flüsterte der geschwätzige Mann. »Weither kommt sie, o schrecklich weit her! Der Bub hat mir's verraten. Wie der Ort heißt, hab' ich vergessen, aber grausam weit mag's sein. 's ist was Vornehmes! Wollt Ihr den stattlichen Wagen und die braven Rößlein sehen? 's steht hinten im Schuppen.«

»Was geht mich der Wagen einer fremden Frau an?« fragte Gottfried.

»Ei, ich mein', was den Wirt erfreut, gefällt auch dem Gast«, sprach der Mann beleidigt. »Da ist's Euch wohl auch einerlei, daß das tollkühne Weib hier bei uns krank geworden ist?«