Sanft legte er ihr Haupt an seine Brust. Die Tür ging auf; der helle Schein des Lämpchens fiel auf ihr abgezehrtes Antlitz.

»Meine Mutter!« rief der Jüngling. »Meine geliebte Mutter! Du bist bei mir, und nimmer, nimmer will ich dich verlassen!«

Da schlang sie die matten Arme um ihn, weinend und schluchzend, und küßte ihn wieder und wieder.

»So bin ich noch auf Erden?« fragte sie endlich. »Ach, mir war, als sei ich schon an dem Ort, von dem die Priester so viel sprechen. Es war so heiß, so glühend heiß; aber ein Engel erquickte mich!«

»Ich brachte dir Wasser, liebe Mutter! Gott hat mich zu rechter Zeit zu dir gesandt. Gib dich ganz in Seine Hände und glaube fest, daß JEsus alle deine Sünden getragen hat, da Er am Kreuz für dich starb. Nichts, gar nichts hast du abzubüßen! Verlaß dich nur getrost auf Ihn und ruhe!«

Aber ach, die Macht des Fiebers war noch nicht gebrochen, und es ward eine schwere, bange Nacht. Am nächsten Morgen, als Frau Berta endlich in unruhigen Schlaf gesunken war, bat Gottfried das Wirtstöchterlein, bei ihr zu bleiben, und suchte eilend im Städtchen nach einem besseren Gelaß für die Kranke.

Endlich fand sich in anständigem Bürgerhause eine Stube mit anstoßendem Kämmerlein und der nötigste Hausrat dazu. In der Abenddämmerung trug man die schlummernde Kranke auf verdeckter Bahre dahin, und nun pflegte der Sohn die Mutter nach Herzenslust. Sein durch mühsame Arbeit erworbenes Geld kam ihm jetzt zu statten; es fehlte nicht an guter Arznei, an kühlendem Getränk und feiner Krankenkost. Der junge Bursche, der Frau Bertas Wagen geführt, war ein Schüler des guten Leutpriesters gewesen, und erwies sich brauchbar und willig zu jedem Dienst. Gleich am ersten Morgen brachte er den schweren Kasten geschleppt, der im Wagen gestanden und Frau Bertas Hab und Gut enthielt, dazu wohlverborgen einen nicht allzu schweren Geldbeutel. Der Wagen selbst blieb im Schuppen der Herberge stehen, und man flüsterte, daß die Wirtsfamilie ihn zu sonntäglichen Ausfahrten benutze.

Gottfried fragte nichts danach; sein Herz war voll Freude und Dank gegen Gott, als das böse Fieber überstanden war, und die liebe Mutter, mit weichen Kissen gestützt, ihm gegenüber saß und sich an seinem Anblick ergötzte. Wo war der Lebensüberdruß, die Wehmut, die ungestillte Sehnsucht, die ihn lange gequält? Ganz verschwunden! O, er wollte leben! Er wollte emsig schaffen und arbeiten, um der Mutter, die ihn mit Mühe großgezogen, ein behagliches Alter zu bereiten. Auch für ihre zagende Seele wollte er sorgen, und sie in aller kindlichen Ehrfurcht auf den Weg führen, der im ewigen Leben endet. Sie aber weidete sich an seinem Anblick und vertraute ihm nach und nach alles an, was sie seit jener Schreckensnacht erlebt und gelitten.

»Als du weinend von mir gingst, mein Sohn«, sprach sie, »war mir zumute, als gehe meine Sonne unter. Der Priester, dem ich mein Leid klagte, gebot mir, alle Liebe zu dir, ja jeden Gedanken an dich aus meinem Herzen zu reißen. Einen ketzerischen Menschen zu lieben, wenn es auch der einzige Sohn sei, wär' eine Todsünde. Ein Gott wohlgefällig und verdienstlich Werk aber sei es, die Mutterliebe zu dir ganz zu ertöten. O wie hab' ich mich gequält und zermartert, diesem unmenschlichen Rat zu folgen; doch gelang es mir nicht!«

»Weil es ein Streit wider Gott war«, sprach Gottfried sanft. »Er sagt ja selbst in Seinem Wort: ›Kann auch ein Weib ihres Kindleins vergessen, daß sie sich nicht erbarme über den Sohn ihres Leibes?‹«