»Ach, mein Kind«, fuhr die Mutter fort, »ich hatte genug von der göttlichen Wahrheit gehört, aber ach, ich widerstrebte ihr aus Stolz und Kreuzesscheu. Darum hatte ich keine frohe Stunde, keine ruhige Nacht mehr. Aber arm und verachtet ins Elend, vielleicht in den Tod zu gehen um der Wahrheit willen, das vermochte ich nicht. — Zuweilen raffte ich mich auf, ging wieder erhobenen Hauptes einher, besuchte die Frauen in der Stadt, mit denen ich in guten Tagen verkehrt, doch gab ich's bald wieder auf. Sie sahen mich scheel an, weil ich so lange einem Ketzer gedient hatte und so bitter um dich trauerte. So saß ich endlich vereinsamt im Schlößlein mit einer nichtsnutzigen Magd und dem Buben, der den Garten besorgte. Ins Dorf hinab kam ich nie mehr, denn die besten Leute hatten sich davon gemacht, und die andern versanken wieder in Roheit und Aberglauben. Von dem Leutpriester und meinem guten Herrn hörte ich nichts. Erst von dir, mein lieber Sohn, hab' ich erfahren, wie Gott den einen erlöste, den andern wunderbar rettete. Wohl aber drang etwa vor Jahresfrist die Kunde zu mir, daß man ein furchtbares Ketzergericht in der Umgegend gehalten, und auch eine Anzahl Antwerpener Bürger den Flammen übergeben habe. Ach Gottfried, da war's ganz aus mit mir! ›Da sind die beiden frommen, edlen Männer dabei gewesen‹, sprach eine Stimme in meinem Herzen, ›die dir und deinem Sohne unzählig viel Wohltat erwiesen haben an Leib und Seele! Du weißt, alte Berta, daß sie die Wahrheit lehrten, aber dir ist die Welt lieber als der Himmel, das Geld lieber als Gottes Gnade!‹ Die stete Unruhe des Herzens, die Einsamkeit, die Sehnsucht nach dir, mein einziges Kind, zehrte auch an meinem Körper. Meine Kraft verfiel, mein Haar bleichte, meine Augen erloschen fast vor vielem Weinen. Der Priester fing an mißtrauisch zu werden, weil ich nicht mehr so oft zur Messe und Beichte kam. Ich entschuldigte mich mit Krankheit. Da drang er in mich, all mein Geld und Gut der Kirche zu verschreiben, ehe es zu spät sei. Allzuviel war's ja nicht mehr, denn eine Zeitlang hatt' ich mit vollen Händen gegeben, Altargerät und allerlei Zierat gestiftet, um nur zum Seelenfrieden zu kommen. Da gedacht' ich, daß mein einzig Kind vielleicht Mangel leide in der Fremde, während ich mein ganzes Gut dem reichen Kloster verschreiben sollte. Und in einer Nacht entschloß ich mich, dich zu suchen in der Stadt Magdeburg, die du mir beim Abschied genannt. Klaus, der Bube, war des Leutpriesters Schüler gewesen und hängt noch an ihm. Er ward mein Vertrauter. Er ist eine Waise und mir zugetan. Trotz des Mordens und Brennens hängen in Antwerpen noch viele an Luthers Lehre. Solchen vertraute der Bub in aller Stille mein Vorhaben. Und als einmal ein großes Kirchenfest im Kloster gefeiert ward, und im Dorf niemand zurückgeblieben war als etliche Alte und Kinder, da entwich ich, geführt von Klaus, aus dem Schlößlein. Das Hab und Gut, das ich mitnehmen wollte, hatte er schon in den Kasten verpackt und heimlich fortgebracht. An der Landstraße unweit des Dorfes wartete der Reisewagen, den mir einer verschafft, der unsern guten Herrn gekannt und geliebt hatte. Freilich um teures Geld! Für dich ist nicht viel übriggeblieben, mein armes Kind. Doch birgt der Kasten noch manch wertvolles Geschenk unseres lieben Herrn; das ist alles dein, mein Sohn! Ach, die Reise war lang und hart für meine gebrochene Kraft. Nur die Sehnsucht nach dir hielt mich aufrecht, bis ich endlich doch zusammenbrach. Nun weißt du alles! Frisch und frei wolltest du in den Kampf ziehen, nun sitzest du bei einem alten sterbenden Weibe!«

»O Mutter, liebe, liebe Mutter, sprich nicht so! Du sollst, so Gott will, noch viele stille, friedliche Tage haben, und ich will dich pflegen nach Herzenslust! In den Krieg wollt' ich nur, weil mein Herz krank war. Jetzt ist's genesen am treuen Mutterherzen!« —

Etwa drei Wochen mochten seit Gottfrieds Auszug vergangen sein, als Peter und Paul Burkhardt eines Tages ganz aufgeregt aus der Schule kamen und in die Küche stürmten, wo die Mutter am Herde stand und leckere Eierkuchen für den Mittagstisch buk.

»Mutter, Mutter«, schrien sie durcheinander, »Gottfried ist wieder da! Die Buben auf der Gasse sagen's! In einem verhangenen Frauenwagen ist er gekommen! Da brächt' mich keiner 'rein; ich tät' mich schämen! Und eine ganz alte, dürre Frau hat er mitgebracht, in dichten Mantel gehüllt. Und 's ist seine Mutter; die hat er unterwegs gefunden! Wie kann einer eine Mutter unterwegs finden? 's wird ihm wohl bange gewesen sein vorm Krieg. Und denk' nur, der Goldschmied hat ihm Gelaß gegeben in seinem alten Haus. Und nun will er nimmer in 'n Krieg! Ist das eine Schande! Bei der Mutter bleibt er sitzen; steckt wohl den Kopf unter ihre Schürze, damit er's Schießen nicht hört, wenn's hier mal losgeht.«

»Schweigt!« rief Frau Burkhardt, die Pfanne schnell vom Feuer hebend und dem letzten Sprecher eins hinter die Ohren gebend, daß er erschrocken zurückprallte. »Nicht Gottfried muß sich schämen, sondern ihr, die ihr so herzlos redet! Schon gestern abend erzählte mir der Herr Vater, daß Gott dem treuen Sohne die kranke, verlassene Mutter in den Weg geführt, und er mit ihr zurückgekehrt ist, um sie schweres Leid vergessen zu lassen und kindlich für sie zu sorgen bis an den Tod! Mein Peter hätt' es freilich anders gemacht. Wenn der mich im Elend gefunden, hätt' er mich verderben lassen, und wär' als tapferer Held in den Krieg gezogen. Gelt, das hätt' Gott gefallen?«

»O Mutter, Mutter, sprich nicht so!« schluchzte der wilde Junge, das schamrote Gesicht im Gewand der Mutter bergend. »O, ich hab' garstig geschwätzt! Vergib mir's doch.«

»Von Herzen gern! Aber ihr müßt bescheidener werden, und nicht lieblos urteilen über Dinge, die ihr nicht versteht. Wir alle sind froh, daß der brave Gottfried nicht in den Krieg gezogen ist. Er paßt nicht dazu, und in der Stadt brauchen wir auch wackere Leute. Ich will gegen Abend einen Korb rüsten mit allerlei Stärkung und Erquickung für die kaum genesene Frau. Wollt ihr ihn hintragen?«

»O so gern!« riefen beide. »Gelt, du bist uns wieder gut, und wir kriegen auch Eierkuchen zu Mittag?«

»Gewiß! Legt nur die Bücher weg und lauft in den Garten zu den Kleinen.«

Magdeburg hieß schon zu jener Zeit eine große Stadt, war aber doch noch nicht so groß, daß das Schicksal des Einzelnen verborgen und unbeachtet geblieben wäre. Nein, man sprach bald in allen Gassen davon, daß der wackere junge Niederländer seine Mutter krank und verlassen aufgefunden und in die Stadt gebracht habe.