Auch in Thomas' Pfarrhaus drang die Kunde gar bald, und gar zu gern hätte Anna die treue Pflegerin ihrer Kindheit besucht und ihr ein Geschenk gebracht. Doch lag ihr Gottfrieds Verslein schwer auf dem Herzen, und sie scheute sich, ihm zu begegnen. Es tat ihr so leid, denn sie hatte ihn lieb wie einen Bruder.

Eines Nachmittags aber, als Thomas in Amtsgeschäften auswärts war, hielt Burkhardts Wäglein vor dem Hoftor, und Franz, der es führte, berichtete, Frau Berta verlange gar sehnlich ihr Annchen wiederzusehen. Ob es nicht einsteigen und ihr einen Besuch gönnen wolle? Wer durfte da »Nein« sagen? »Ach, wenn Thomas doch mit wäre!« seufzte die junge Frau im stillen. »Es wird ein recht ungeschicktes Wiedersehen werden! Nun, vielleicht ist Gottfried bei der Arbeit und läßt sich gar nicht sehen.«

Aber es war eben Vesperzeit, als das Wäglein vor dem alten Hause hielt, und der gute Sohn führte die Mutter im milden Sonnenschein vor der Tür auf und nieder.

»Mein Kind, mein herzliebes Annchen!« rief die bleiche Frau, alle Schwachheit vergessend, ließ den Arm des Sohnes los und schloß ihre Pflegetochter zärtlich an die Brust. »O wie barmherzig ist Gott, daß Er mir beide Kinder wiedergibt! Wart ihr doch von klein auf wie Bruder und Schwester; und, gelt, so ist es geblieben?«

»Ja, Mutter«, erwiderte Gottfried innig; »und so soll es bleiben bis ans Ende!«

Damit reichte er Anna die Hand, blickte ihr ernst ins Auge und bat, so leise, daß es nur die junge Frau vernahm:

»Schwester, verbrenne das Verslein!«

13. Unseres HErrgotts Kanzlei.

Bei Donauwörth trafen die Heere der protestantischen Fürsten zusammen. Jetzt wäre wohl die Zeit gewesen, in voller Kraft und Einigkeit gegen den Kaiser zu ziehen und einen herrlichen Sieg zu erkämpfen. Leider aber fehlte es an einem recht entschlossenen kriegskundigen Anführer. Die gute Jahreszeit verstrich, ohne daß etwas Entscheidendes geschah, und endlich kam der Winter, wo das Fortkommen eines Kriegsheeres zu jener Zeit mit unsäglichen Schwierigkeiten verbunden war.

Dennoch eilte Johann Friedrich mitten im Dezember nach Sachsen zurück, als er hörte, Moritz habe die Kurwürde angenommen und sich huldigen lassen. Mit Jubel begrüßte das Sachsenvolk seinen treuen, frommen Herrn, und schnell war das Land wieder in Johann Friedrichs Händen. Auch die niederdeutschen Städte sandten ihre Hilfstruppen, so daß das Kriegsglück auf seiner Seite schien. Aber schon hatte der Kaiser die Gefahr erkannt, sammelte in großer Schnelligkeit ein bedeutendes Heer, verband sich mit dem klugen, tapferen Moritz und zog in Eilmärschen nach dem Sachsenland.