Bei dem Städtchen Mühlberg an der Elbe kam es am 24. April 1547 zur Schlacht. Johann Friedrich war zum Gottesdienst in die Kirche gegangen, da er nicht ahnte, daß der Feind schon am andern Ufer heranzog. Man sagt, ein Müller, dem des Kurfürsten Soldaten ein paar Pferde genommen, habe den Kaiserlichen eine Furt gezeigt. So schnell sich auch das sächsische Heer sammelte, so tapfer es sich auch hielt, war es doch der Uebermacht nicht gewachsen. Johann Friedrich kämpfte selbst mit Heldenmut; als er aber einen Säbelhieb in die Wange erhielt, und das Blut sein Antlitz überströmte, mußte er sich ergeben, und der Sieg war auf seiten des Kaisers. Bald darauf ward auch Philipp von Hessen bezwungen und fiel dem Kaiser in die Hände, der beide Fürsten mehrere Jahre lang gefangen mit sich herumführte.
Durch diese Schlacht war die Macht des Schmalkaldischen Bundes gebrochen; die Anhänger des Papstes triumphierten, die Evangelischen aber weinten und klagten! Ach, sie hatten wohl Ursache dazu, denn schweres Kreuz und allerlei Drangsal brach über sie herein. Der Kaiser stand auf der Höhe seiner Macht, und hätte wohl am liebsten ganz Deutschland wieder zur katholischen Kirche zurückgeführt. Da er aber wohl wußte, daß das unmöglich sei, dachte er auf einen andern Ausweg, auf eine Art Vergleich zwischen beiden Konfessionen. Einige katholische Theologen und ein falscher evangelischer Prediger namens Agrikola stellten ein seltsames Gemisch von Wahrheit und Irrtum zusammen, in dem die allertröstlichsten Lehren des Evangeliums gänzlich getrübt und abgeschwächt waren. Dieses Machwerk, das man das Interim nannte, sollte nun allen protestantischen Städten als Glaubensbekenntnis aufgedrungen werden. Leider fügte sich eine Stadt nach der andern, trotz des Bittens und Abmahnens treuer Prediger, die lieber ins Elend gehen, als von Gottes Wort abweichen wollten.
In Süddeutschland fügte man sich leichter als im Sachsenlande, und am festesten blieb die gute Stadt Magdeburg, auf der noch die Acht des Kaisers lag. Nicht nur stand sie einmütig treu beim lutherischen Bekenntnis, sie nahm auch viele der um ihres Glaubens willen abgesetzten und vertriebenen Prediger mit Weib und Kind in ihren Mauern auf. Weil nun aus diesen Mauern auch eine große Menge Streitschriften, Verteidigungen der Wahrheit, ja auch Spottverse und sinnige, lächerliche Bilder, die das Interim verhöhnten, in die Welt hinausflogen, nannte man die wackere Stadt »Unseres HErrgotts Kanzlei«. —
Von der mutigen Schar, die aus ihren Toren zum Kampf gezogen war, kehrte nur ein Teil wieder; nicht wenige hatten Blut und Leben für ihren Glauben gelassen. Auch Dietrichs Behausung stand noch leer, und der Brave ward von vielen, besonders aber von Thomas und Annchen, als tot betrauert. O wie gern hätten sie ihm das muntere rotwangige Knäblein gezeigt, das gerade am Christfest die blauen Augen geöffnet, und deshalb den Namen Christoph erhalten hatte! Jetzt saß es schon strampelnd und lachend im Gras, rupfte Blümchen ab, und machte ungeschickte Versuche, auf vier Beinchen zur Mutter zu gelangen, die eifrig nähend in der Laube saß. Brachte aber Gottfried seine Mutter hinaus zu ihrer Pflegetochter, damit sie einige Tage Landluft und Sonnenschein genieße, durfte Klein-Christoph überhaupt nicht sitzen, sondern ward von Muhme Berta den ganzen Tag umhergetragen, geliebkost und bewundert nach Herzenslust. Konnte es doch auf der ganzen Welt kein klügeres und schöneres Kind geben, als ihres Annchens Söhnlein.
Hatten die Erwachsenen den braven Dietrich fast aufgegeben, so taten's die Buben noch lange nicht! Ei, in den prächtigen Ritter- und Kriegsgeschichten, die er erzählte, besonders aber in den Märlein, war's gar nichts Seltenes, daß einer jahrelang wegblieb und dann doch heimkam, noch dazu mit Gold und Edelstein beladen! Wer weiß, ob's mit Dietrich nicht auch so gehen würde! Darum hielten sie am Feierabend gar oft Ausschau von der Anhöhe, wo sie Abschied von ihm genommen, ob er nicht etwa von ferne zu sehen sei, kehrten aber immer getäuscht zurück.
Eines Abends aber, kurz vor der Erntezeit, saßen Thomas und Anna in der Gartenlaube beim Abendessen, während Christoph in einem Wäglein schlief, als sich plötzlich im Hofe ein wahrer Heidenlärm erhob. Zürnend wollte Thomas die Ruhestörer verjagen. Aber wie? Sie drangen sogar in den Garten ein! Das war doch allzu frech! Im nächsten Augenblick aber stürmte der ehrwürdige Herr Pfarrer selbst den Gartenpfad hinab, als sei er noch ein wilder Bube, und fiel dem staubbedeckten struppigen Mann, den die Buben im Triumph hereinführten, um den Hals. Es war ja Dietrich, sein Retter! Ein Junge trug das Schießgewehr, ein anderer das kurze Schwert, der dritte ein Bündel, und alle waren bitter getäuscht, als sie die Sachen gleich ablegen und ihres Weges gehen mußten. Der Herr Pfarrer war doch sonst so brav und freundlich; warum wollte er nur diesmal die Freude ganz für sich allein haben? So dachten die Buben. Nun, ihre Zeit würde schon kommen! Ei, was würde Dietrich für Abenteuer erzählen, wenn man wieder im Schuppen ums Winterfeuer hockte!
Ihre Hoffnung hat sich auch reichlich erfüllt; nur die Geschichte, die Dietrich dem Freund erzählte, als er noch spät abends mit ihm im Studierstüblein saß, erfuhren sie niemals. Selbst Anna hörte sie erst nach langer Zeit.
»In manch heißem Kampf war ich gewesen«, berichtete Dietrich, »aber immer mit ziemlich heiler Haut davongekommen. Bei Mühlberg ging's anders. Mein braves Rößlein ward mir unterm Leibe erschossen; ich selber blutete aus einer Kopfwunde und erhielt noch tüchtige Schrammen, als das Roß zusammenstürzte. Es währte eine gute Weile, bis ich mich aufrappeln konnte. Der Kampf hatte sich in die Ferne gezogen, und ich war allein. Mit Mühe humpelte ich einem Wässerlein zu, das in der Nähe rauschte. Da hört' ich im Gebüsch ein Stöhnen, und fand einen Kriegsmann am Boden liegen, dem der Tod sein Zeichen schon aufgedrückt hatte. ›Wasser, Wasser‹, ächzte er, sobald er mich erblickte. Ich füllte mein Becherlein und ließ ihn trinken, wieder und wieder. Es ward mir nicht leicht, denn 's war einer aus des Feindes Heer und noch dazu ein Spanier. Du weißt ja, wie die's treiben, und wie verhaßt sie sind. Aber ich dacht' an die letzte Kinderlehr', die ich mit angehört, wo du den Spruch: ›Liebet eure Feinde‹, so schön auslegtest. Unheimlich sah der Kerl aus! Von Todesschweiß feucht hing ihm das pechschwarze Haar ums gelbe Gesicht, und die Augen traten ihm vor Schmerz und Angst weit hervor. ›Sterben muß ich‹, ächzte er, ›jämmerlich sterben! Hu, wie brennt das Feuer schon inwendig!‹ Sein Anblick stieß mich ab, aber seine Sprache heimelte mich an. Es war die niederländische Mundart, die mir und dir noch so lieb ist. Es währte noch Stunden, schreckliche, schauerliche Stunden! Wenn ich Miene machte, ihn zu verlassen, krallte er seine Hand fest an mein Wams und jammerte entsetzlich. Wasser konnt' ich ihm endlich nicht mehr holen, da mein von dem stürzenden Roß gequetschtes Bein stark anschwoll und arg schmerzte. ›Sei doch ein Mann!‹ sprach ich zu ihm. ›Bedenk' doch, wie viele heut ihr Leben lassen mußten! Bete zu Gott und dem Heiland, daß Er deine Seele in Gnaden zu sich nehme!‹ Da schrie er ganz laut auf, und, o Schrecken! er nannte deinen Namen und den des Goldschmieds! ›Wie kann ich beten‹, rief er, ›wenn diese zwei mir den Weg zu Gott versperren? Land und Meer hab' ich durchzogen, um sie zu bannen, aber ganz umsonst! Ueberall blicken sie mich mit hohlen Augen an!‹«
»So war es Carlos!« sagte Thomas tiefbewegt.
»Er war es! Ich sah ihn ja nimmer; doch hattest du mir von ihm erzählt.«