»Vielleicht ist's heut ein anderer gewesen«, sprach die Frau.

»Nein, nein; es war derselbe! Ich hab' ihn gleich wiedererkannt an den freundlichen Augen und der holden Stimme!«

Ja, Annchen war sehr gewachsen und viel ernster geworden. Sie hüpfte und sprang nicht mehr so munter, wie damals bei der Hühnerjagd. Es wäre auch in dem langen Kleide, das sie nun trug, gar nicht recht gegangen. Ihr blondes Köpfchen war jetzt mit einer kleinen goldgestickten Haube geschmückt, und nicht selten hingen die Schlüssel zu Speisekammer und Keller an ihrem Gürtel, da sie von Frau Berta fleißig in den Geschäften des Haushaltes geübt ward.

Obgleich sie sich redlich bemühte, im Verkehr mit dem Vater die sonnige Heiterkeit zu zeigen, die ihm so wohl tat, lastete doch schwere Sorge auf ihrem jungen Herzen. Kam sie abends in ihr Stübchen, so saß sie oft noch lange am Fenster und schaute, den Kopf in die Hand gestützt, gedankenvoll zu dem schmalen Streifen Sternenhimmel empor, der zwischen den Giebeln der hohen Häuser sichtbar war. Ach, es war wohl gut, daß lieb Mütterlein dort oben geborgen war im ewigen Frieden, da hier unten Angst und Furcht herrschte vor etwas Schrecklichem, das früher oder später kommen mußte! Als ihr Verstand reifte, und ihr Gemüt tiefe Empfänglichkeit zeigte für das, was Pater Thomas sie lehrte, hatte ihr der Vater gesagt, daß dies das wahre, seligmachende Evangelium sei, während man in den Kirchen der Stadt die armen Seelen auf falschen Weg führe. Sie wußte nun, daß viele ihrer Mitbürger, Männer, Frauen, ja sogar Kinder um des wahren Glaubens willen eines grausamen Todes gestorben seien. Hatte auch die Verfolgung in den letzten Jahren ein wenig geruht, so stand zu erwarten, daß sie bald desto heftiger wieder ausbrechen werde. Während das liebreiche Mägdlein an sich selbst nur wenig dachte, zagte sein Herz um den teuren Vater und den geliebten Lehrer. Auch an Gottfried, dem sie herzlich zugetan war, dachte sie mit schwerer Sorge.

Ein bestimmter Abend in jeder Woche war besonders angstvoll für das Mägdlein. Da kamen im Schutz der Dunkelheit (von Straßenbeleuchtung wußte man damals noch nichts) einige wackere Männer ins Haus, dessen Tür der Vater selbst öffnete und sorgfältig wieder schloß. Leise stiegen sie die Treppe empor und verschwanden im großen Saale. Annchen wußte wohl, was sie dort trieben. Pater Thomas las mit ihnen die Bibel, die der Vater jetzt in der Landessprache besaß; auch wurden die Schriften Doktor Luthers eifrig studiert. Sehr leise mußte das wohl geschehen, da das Kind, als es einst, von unbestimmter Angst getrieben, ein wenig an der starken eichenen Tür lauschte, auch nicht das Geringste vernahm.

Der Winter war vergangen, und die Zeit des Umzugs nach dem Schlößlein nahte heran, doch konnte sich Annchen diesmal nicht so harmlos darauf freuen wie sonst. Ging doch auch Pater Thomas ernst und sorgenvoll einher. Wenn auch niemand offen davon sprach, so waren sich doch die Ernstgesinnten in seiner Gemeinde wohl bewußt, daß er, wenn auch noch zaghaft, die neue Lehre predigte, die von den Priestern in den Abgrund der Hölle verdammt ward. Auf der Kanzel tat er es zwar nur vorsichtig, bekannte sich aber in der Seelsorge desto freier dazu. Freilich ward nur eine kleine Schar ergriffen von der süßen Lehre des Evangeliums; bei der Menge ging eben alles zu einem Ohr hinein und zum andern wieder heraus. Jedenfalls dachte bis jetzt noch niemand daran, den stillen, freundlichen, wohltätigen Mann an die stolzen Klosterleute zu verraten. Es lebte sich ja so gut mit ihm! Und wenn man ihn einem grausamen Tode oder ewiger Gefangenschaft preisgäbe, was würde der Lohn sein? Man würde doch nur einen feisten, dummen, habgierigen Mönch zum Ersatz bekommen.

Trotzdem verrichtete Thomas sein Amt mit schwerem, angstvollem Herzen. Ach, er liebte seine Leute so sehr, die Großen wie die Kleinen; und es war ihm zumute wie einem Vater, der seine Kinder verlassen soll. Wenn ihn auch niemand anklagte, so durfte er doch nicht bleiben! Er hatte ja bisher noch die tägliche Messe gehalten, obgleich ihm immer klarer ward, daß sie ein Mißbrauch sei. Tat er aber das nicht mehr, so war er rettungslos verloren, wenn er nicht eilend entfloh. Dazu kam, daß ihn die gute Grete, so empfänglich sie sonst für die himmlische Wahrheit war, täglich mit Bitten bestürmte, diesen letzten Schritt noch ein wenig hinauszuschieben, nur noch ein ganz klein wenig!

Dagegen stärkte er sich an des Goldschmieds Mut. »Gott ist allmächtig; Er kann uns wohl hindurchretten«, sprach er. »Er kann auch des Kaisers Herz lenken, daß er die neue Lehre, die er in vielen deutschen Städten, ja in ganzen Ländern dulden muß, endlich auch hier freigibt. Er muß doch einmal erkennen, daß sie eine göttliche Kraft ist, der er nicht widerstehen kann. Laß uns nur immer fester werden in der Wahrheit! Will es Gott anders, nun, so sterben wir mutig und gehen ein zur himmlischen Herrlichkeit.«

Wo der Same des Wortes Gottes ausgestreut wird, fällt er immer auf verschiedenen Acker. So ging es auch im Freundeskreis des Leutpriesters. Die brave Frau Berta hatte im Anfang gern zugehört, wenn das Kind ihr die schönen biblischen Geschichten erzählte und so lieblich von himmlischen Dingen zu reden wußte. Auch Pater Thomas' Predigten gefielen ihr wohl; es war ja recht und nötig, die rohen Fischersleute zum Guten zu ermahnen. Als er aber anfing tiefer zu gehen, und Christum als den Sünderheiland darstellte, der alles, alles für uns getan und gelitten hat, zog sie sich mehr und mehr zurück. War doch ihr Leben eigentlich nichts anderes als eine Kette von guten Werken. Von Jugend auf war sie sittsam, ehrbar, fleißig und wohltätig gewesen. Niemand sollte ihr diesen Ruhm rauben, auch Pater Thomas nicht! Schwächen und kleine Fehler hatte man ja, aber dafür opferte man seine Gebete und ein schönes Stück Geld! Sünder gab's allerdings in der Welt, Räuber, Mörder, Ehebrecher, nichtsnutzige Faulpelze wie der Carlos! Für solche wäre des Leutpriesters Predigt passender gewesen, als für sie, die feine, ehrbare Matrone!

Und nun hielt eine Anzahl braver, angesehener Männer gar noch heimliche Versammlungen bei ihrem Herrn! Ja, sie kannte sogar den Raum, in dem die Verblendeten zusammenkamen; keinem war er sonst bekannt! Nimmermehr würde sie ihren guten Herrn verraten; aber es galt doch, sich beizeiten zurückzuziehen von einer so gefährlichen Sache. Vor Jahren hatte sie einmal selbst gesehen, wie man Ketzer gefangen fortführte, mit Stricken gebunden und einen Knebel im Munde! Wer weiß, wie bald es wieder so weit kommen würde!